In einem kleinen Dorf in Mittelhessen, in Dorlar, streikt seit letztem Montag die Belegschaft bei Stanley Feinwerktechnik für einen Tarifvertrag. Am Werkstor beginnt der Tag mit klaren Ritualen: Die IG-Metall-Fahne wird gehisst, der Kaffee gekocht – und immer wieder hallt die Parole über das Gelände: „Tarifvertrag wollen wir“. Was hier entsteht, ist mehr als nur ein Arbeitskampf – es ist ein sichtbares Zeichen kollektiver Entschlossenheit.
Der Streik ist Teil eines längeren Prozesses. Vor rund einem Jahr begannen die Beschäftigten, sich zu organisieren. Der erste wichtige Schritt: die Wahl eines Betriebsrats. Doch während die Belegschaft sich strukturiert und gemeinsam für ihre Interessen eintritt, blockt der Konzern weiterhin ab. Es sei kein Geld für einen Tarifvertrag da, heißt es von oben – eine Argumentation, die viele Beschäftigte angesichts hoher Gewinne und Ausschüttungen als Hohn empfinden. Für sie steht fest: Was sie hier erleben, ist kein Einzelfall, sondern Teil einer breiteren Entwicklung, in der Unternehmen versuchen, Tarifstandards zu umgehen und Kosten auf dem Rücken der Beschäftigten zu sparen.
Die Eskalation kam kurz vor der Urabstimmung. Auf einer Betriebsversammlung stellte die Geschäftsführung Entlassungen in Aussicht. Die Antwort der Belegschaft fiel eindeutig aus: Mit 100 Prozent Zustimmung entschieden sich die Beschäftigten für einen unbefristeten Erzwingungsstreik.
Auch in den darauffolgenden Tagen bleibt die Stimmung kämpferisch. Trotz Regen und Wind stehen die Kolleginnen und Kollegen vor dem Werkstor, organisieren Streikposten und begleiten die laufenden Tarifverhandlungen. „Gemeinsam sind wir stark“ ist dabei nicht nur eine Parole, sondern gelebte Praxis.
In den Gesprächen vor Ort wird deutlich, dass es den Beschäftigten um mehr geht als nur um einen Tarifvertrag. „Es geht hier auch um die Zukunft unserer Kinder“, sagen einige von ihnen. Ihre Forderungen entstehen immer wieder gemeinsam im Austausch – unterstützt durch die IG Metall. Im Zentrum steht die Gleichbehandlung: Während Kolleginnen und Kollegen an anderen Standorten des Konzerns mehrere Euro mehr pro Stunde verdienen und tariflich abgesichert sind, fehlt diese Grundlage in Dorlar bislang.
Dabei betonen die Streikenden ausdrücklich, dass es ihnen nicht um Konkurrenz zwischen Standorten geht. Im Gegenteil: Sie suchen aktiv den Schulterschluss mit anderen Belegschaften. In den vergangenen Tagen besuchten sie weitere Werke des Konzerns, um für ihre Forderungen zu werben und deutlich zu machen, dass Verbesserungen nur gemeinsam durchgesetzt werden können.
Zu den zentralen Forderungen zählen neben einem Tarifvertrag auch sichere Arbeitsplätze, faire Löhne, Investitionen in die Zukunft und bessere Arbeitsbedingungen. Besonders präsent ist das Thema Arbeitsschutz. Beschäftigte berichten von gravierenden Mängeln: Brandschutzvorgaben würden nicht eingehalten, Maschinen blieben defekt. Gleichzeitig werde von Unternehmensseite die Bedeutung von Sicherheit betont – während Beschäftigte etwa für das Arbeiten am Laptop ohne Schutzbrille abgemahnt würden. Für viele ist das ein Ausdruck doppelter Standards.
Der Streik verändert auch das Miteinander im Betrieb. Viele erzählen, dass sie vor der Urabstimmung noch unsicher waren: Wird das funktionieren? Kann ich mich auf meine Kolleginnen und Kollegen verlassen? Heute überwiegt ein anderes Gefühl. „Am Ende sitzen wir alle im selben Boot“, so beschreibt es ein Beschäftigter. Unterschiede treten in den Hintergrund, der Zusammenhalt wächst spürbar. Besonders bemerkenswert ist, wie breit dieser Zusammenhalt getragen wird: Kolleginnen und Kollegen, die kurz vor der Rente stehen, die wenigen verbliebenen Auszubildenden und alle dazwischen – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Abteilung – stehen Seite an Seite. Sie kämpfen nicht nur für sich selbst, sondern ausdrücklich füreinander.
Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Kolleginnen und Kollegen mit Streikerfahrung aus früheren Betrieben oder aus ihrer Ausbildung. Ihr Wissen darüber, wie Arbeitskämpfe geführt werden können, stärkt die Belegschaft – ebenso wie die Unterstützung durch die Gewerkschaft.
Auch von außen erfährt der Streik große Solidarität. Beschäftigte aus umliegenden Metallbetrieben wie Fritz Winter, Dixon, Mahle oder Conti kommen zu den Aktionen, ebenso Vertreterinnen und Vertreter von ver.di und verschiedene Jugendorganisationen. Vor dem Werkstor entsteht so ein Ort, an dem sich betriebliche Kämpfe verbinden.
Was in Dorlar passiert, hat damit eine größere Bedeutung. Hier sammeln Beschäftigte konkrete Erfahrungen kollektiver Gegenwehr – organisiert, solidarisch und mit wachsendem Selbstbewusstsein. Für viele ist klar: Solche Kämpfe sind notwendig, um Arbeitsrechte zu verteidigen und auszubauen. Und sie zeigen, dass die Fähigkeit zu streiken keine Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, das immer wieder neu erlernt und gemeinsam getragen werden muss.
Unsere Solidarität gilt den Streikenden bei Stanley Feinwerktechnik. Machen wir deutlich: Wer sich organisiert und kämpft, steht nicht allein.

