Merz ist unbeliebt. Doch das erklärt den Niedergang der Union nur zum Teil. Die CDU verliert. Bei Wahlen, in Umfragen und vor allem dort, wo sie sich lange verortet hat: der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“. Bei der Bundestagswahl 2025 war sie zwar noch die stärkste Kraft, doch schon damals lag sie bei 22,6 Prozent. Inzwischen ist die Zustimmung weiter zurückgegangen. Im September 2026 kommt die Union in mehreren bundesweiten Umfragen nur noch auf rund 20 bis 21 Prozent. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stürzte sie sogar auf 17,2 Prozent ab. In Mecklenburg-Vorpommern ist sie seit ihrer Gründung zum ersten Mal nicht in einem Landtag vertreten.
Oktay Demirel
Man kann das alles sicherlich auf Friedrich Merz schieben. Tatsächlich ist der Kanzler bei großen Teilen der Bevölkerung unbeliebt. Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass 66 Prozent der Befragten Merz persönlich als einen Grund für die Verluste der Union sehen. Doch das würde gesellschaftliche Triebkräfte allzu sehr individualisieren. Denn auch bei diesen Umfragen steht an erster Stelle etwas anderes: 81 Prozent meinen, die Union kümmere sich zu wenig um die Alltagssorgen der Menschen. 57 Prozent sehen eine sozial unausgewogene Politik als Ursache. Damit wird eine grundlegendere Frage sichtbar: Was hat die CDU den Menschen eigentlich anzubieten, die jeden Monat von ihrem Lohn leben müssen, außer die Aufforderung, den Gürtel enger zu schnallen und vertrauen zu haben, dass „die da oben“ das schon regeln werden?
Die CDU schützt vor allem das System, das sie selbst vertritt
Die CDU präsentiert sich gern als „Partei der wirtschaftlichen Vernunft“. Sie spricht von Leistung, Eigenverantwortung, Wettbewerbsfähigkeit und einem starken Wirtschaftsstandort. Diese Worte bedeuten im Kern: Die Bedingungen für Unternehmen und Kapital sollen möglichst gut bleiben. Deutsche Konzerne sollen sich durchsetzen gegen internationale Konkurrenten. Denn das sei auch gut für den deutschen Arbeiter, da wir schließlich alle im gleichen Boot säßen.
Bereits in seiner Regierungserklärung stellte der knapp gewählte Merz Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftliche Entlastung und solide Finanzen in den Mittelpunkt. Gleichzeitig soll Deutschland seine militärischen Fähigkeiten massiv ausbauen und seiner ihm zustehenden „Führungsrolle in Europa gerecht werden“.
Dabei werden Fakten und Realitäten zu Gummi und der eigenen Logik angepasst. Menschenrechtsverletzungen oder Angriffe auf Zivilisten werden verurteilt, wenn sie von Russen kommen, während Kidnapping von Staatspräsidenten als „Selbstschutz“ des Kidnappers gutgeheißen wird und Genozide an Zivilisten, die Verbündete führen, die unsere „uneingeschränkte Solidarität haben“, als „unsere Drecksarbeit“ schöngeheißen wird.
Wenn diese Doppelmoral gepaart wird mit sozialer Ungerechtigkeit, wenn die Miete steigt, die Lebensmittel teurer werden, Krankenhäuser geschlossen oder Abteilungen abgebaut werden, wenn Beschäftigte länger arbeiten sollen und gleichzeitig über Einschnitte bei sozialen Leistungen gesprochen wird, dann reicht der Hinweis auf „Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland“ nicht mehr.
Genau hier lässt die CDU ihre Maske fallen: Sie verspricht „Entlastung“ und meint, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern. Sie spricht von Reformen und prügelt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor der Sommerpause massive Angriffe auf soziale Rechte durch. Sie propagiert Leistung, während Vermögen und wirtschaftliche Macht sehr ungleich verteilt und vererbt werden. Und sie fordert vom Einzelnen mehr Eigenverantwortung, während große Unternehmen und Vermögende auf politische und wirtschaftliche Unterstützung zählen können.
Für einen Teil der Bevölkerung wird dadurch immer deutlicher: Die CDU spricht zwar von „unserem Land“. Aber die Interessen, die sie besonders konsequent schützt, sind keinesfalls die Interessen der Mehrheit der Beschäftigten!
Merz macht diesen Widerspruch sichtbar
Friedrich Merz ist dafür eine besonders geeignete Figur, der stark an Mr. Burns von den Simpsons erinnert: Er ist ein alter, kalter, gerissener und auf sein Wohl ausgerichteter Mensch. Seine Sprache, seine Auftritte und sein politischer Hintergrund vermitteln vielen Menschen nicht den Eindruck eines Politikers, der ihre alltäglichen Probleme kennt, vielen kommt er nicht mal wie ein Mensch rüber.
Er und seine Regierung versuchen, wirtschaftsliberal, konservativ, sozialstaatlich und volksnah aufzutreten. Wenn aber die Pflegekraft, der Industriearbeiter, die Verkäuferin, der Paketbote oder der Rentner feststellen, dass ihr Leben schwieriger wird, während gleichzeitig Schulen verfallen, Schwimmbäder schließen und die Bahn unpünktlich wie eh und je kommt, verliert das Versprechen der „bürgerlichen Mitte“ an Glaubwürdigkeit. Die Missstände werden von der Bevölkerung erkannt, die Analyse der Ursachen oder Schlussfolgerungen werden jedoch von AfD und rechten Vordenkern in falsche Bahnen kanalisiert, die wieder von deutscher Ordnung, Leistung und Sicherheit sprechen und das Rad der Geschichte umdrehen wollen.
Die CDU verliert nicht wegen der AfD
Die Union erklärt ihre Verluste häufig mit dem Erstarken der AfD. Das ist nicht falsch, aber es erklärt zu wenig. Denn die AfD wächst nicht einfach deshalb, weil plötzlich Millionen Menschen ihre politischen Vorstellungen übernommen hätten. Sie profitiert davon, dass viele Menschen mit den etablierten Parteien unzufrieden sind. Je weniger SPD und CDU glaubwürdig erklären können, warum die sozialen Probleme bestehen bleiben sollen, desto leichter kann die AfD die Unzufriedenheit gegen Migranten, Geflüchtete, Minderheiten oder andere gesellschaftliche Gruppen richten. Man erinnere sich an die Dankesreden der AfD-Führung an den „besten Wahlkämpfer, den die AfD hatte: Friedrich Merz“. Die AfD schafft es nämlich, aus einem sozialen Problem einen kulturellen Konflikt zu stricken: Inflation und stagnierende Löhne liegen an billigen Migranten oder EU-Verordnungen. Fehlende Wohnung? Na zu viele Migranten! Fehlende Pflege-, Kita- oder Krankenhausplätze? Überfüllung und zu hohe Kosten wegen na was wohl? Migranten.
Das eigentliche Problem
Die CDU kann versuchen, Merz oder sonst wen auszutauschen. Sie kann konservativer oder autoritärer auftreten. Sie kann sich stärker gegen Migration aussprechen. Sie kann sich mit oder ohne Brandmauer von der AfD abgrenzen oder versuchen, Themen der AfD zu übernehmen. Aber das alles wird den gesellschaftlichen Widerspruch der ungleichen Vermögensverteilung nicht lösen.
Solange die CDU, aber auch die SPD wirtschaftliche Interessen und Standortlogik höher gewichten als die sozialen Interessen der Mehrheit der Beschäftigten, werden sie Schwierigkeiten haben, diejenigen dauerhaft zurückzugewinnen, die ihre politische Heimat nicht mehr in ihnen sehen.
Die Politik steht im Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität. Die Menschen werden von einem Staat, der die Bedingungen für deutsches Kapital und deutsche Unternehmen absichern will, gelenkt, und erleben gleichzeitig, dass ihre eigene soziale Sicherheit dabei unter die Räder gerät und der Monat zu lang ist für das Geld, was man als Hungerlohn erhält.
Die Aufgabe der politischen Linken muss nun sein, diesen sozialen Konflikt als den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit zu benennen und Wege zu zeigen, wie diese gesellschaftlichen Missverhältnisse beseitigt werden können.

