Das Gedenken an die Opfer des Hitler-Faschismus ist keine reine Erinnerungskultur. Es ist ein mahnendes Beispiel für die Auswirkungen von Faschismus und Krieg und deshalb hochpolitisch. Wenn dieses Gedenken plötzlich jedoch entpolitisiert werden soll, ist es keine Frage der Rücksichtnahme auf Betroffene, sondern ein Angriff auf den antifaschistischen Kampf.
Fee Pottharst
Das Konzentrationslager Buchenwald war eines der größten Konzentrationslager des Hitler-Faschismus auf deutschem Gebiet. Es wurde im Sommer 1937 von der SS auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet und war Teil des Systems von Lagern, mit denen das faschistische Regime politische Gegner wie Kommunisten und weitere Fortschrittliche, rassistisch Verfolgte wie Sinti und Roma oder Juden und andere als „unerwünscht“ erklärte Menschen unterdrückte, bis zum Tod durch schwerste Zwangsarbeit ausbeutete und ermordete. Über eine Viertelmillion Menschen wurden insgesamt nach Buchenwald und seine Außenlager verschleppt. Gleichzeitig entstand im Lager auch ein organisierter Widerstand der Häftlinge, insbesondere unter kommunistischen Gefangenen. Sie bauten geheime Strukturen auf, halfen anderen Häftlingen zu überleben und beteiligten sich schließlich an der Selbstbefreiung des Lagers kurz vor dem Eintreffen der US-Armee am 11. April 1945. So steht das KZ Buchenwald heute nicht nur für die Verbrechen des Faschismus, sondern auch für den Mut und die Solidarität der Gefangenen, die selbst unter extremsten Bedingungen Widerstand leisteten. Doch immer wieder wird von Staatsebene versucht, das aktive Gedenken an den Widerstand in Buchenwald gegen die menschenverachtenden Verbrechen zu unterbinden. Was hat es damit auf sich?
81. Jahrestag zur Befreiung vom KZ Buchenwald
Zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwalds hatte es eine Gedenkveranstaltung auf dem Appellplatz gegeben. Eingeladen waren Opfer, Angehörige wie Hape Kerkeling und Politiker wie Kulturminister Wolfram Weimar. In Redebeiträgen wurde mehrmals betont, dass der Ort keine „Bühne für aktuelle politische Auseinandersetzungen“ sein dürfe. Transparente und Flaggen waren untersagt mit der Begründung, dass Tagespolitik wie die Kriege im Nahen Osten, der Genozid am palästinensischen Volk oder die Annexion des Südlibanons in den Hintergrund treten sollten, damit das Gedenken „würdig“ und „unpolitisch“ bleiben könne. Doch genau hier liegt der Widerspruch. Denn Buchenwald war nie unpolitisch. Die Häftlinge waren zu einem großen Teil politisch Gefangene – Kommunisten, Antifaschisten, organisierte Arbeiter. Sie wurden verfolgt, weil sie im Faschismus Widerstand leisteten: in Parteien, Gewerkschaften, internationalen Brigaden wie im Spanischen Bürgerkrieg. Auch im Lager selbst setzten sie diesen Kampf fort – organisiert, solidarisch, international. Die Selbstbefreiung war kein Zufall, sondern Ergebnis dieser politischen Organisierung – von innen und im Zusammenhang mit dem Vormarsch der Alliierten von außen.
Kufiya Verbot in der KZ Gedenkstätte Buchenwald
Wenn heute gefordert wird, das Gedenken „zu entpolitisieren“, bedeutet das oft, genau diesen Kern unsichtbar zu machen. Schon zum 80. Jahrestag der Befreiung war einer Frau der Zutritt zur Gedenkveranstaltung verweigert worden, weil sie eine Kufiya trug. Das Thüringer Oberverwaltungsgericht bestätigte später die Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung. Die Kufiya ist sowohl Symbol des Widerstands und der Solidarität mit dem palästinensischen Volk gegen die Apartheit und den Genozid. Als Antwort auf das “Kufiya-Verbot” ist die Kampagne “Kufiyas in Buchenwald” ins Leben gerufen worden. Die Kampagne wurde unter anderem unterzeichnet von der Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, dem International Jewish Anti-Zionist Network und verschiedenen palästinensischen Solidaritätsgruppen sowie zahlreichen antifaschistischen, antiimperialistischen und linken Organisationen aus Deutschland und international. Die Kampagne hatte zum 81. Jahrestag eigentlich eine Demonstration vor der Gedenkstätte angekündigt. Das Verwaltungsgericht Weimar untersagte aber die Kundgebung auf dem Gelände und die Stadt verwies die Veranstalter in die Innenstadt.
Warum muss das Gedenken politisch und gegenwärtig sein?
Gedenken kann nicht „unpolitisch“ sein, weil die Verbrechen, an die erinnert wird, selbst zutiefst politisch waren. Das faschistische System, das im Konzentrationslager Buchenwald seinen Ausdruck fand, richtete sich gezielt gegen politische Gegner – vor allem Kommunisten, Antifaschisten und organisierte Teile der Arbeiterbewegung. Sie wurden verfolgt, weil sie eine andere Gesellschaft wollten und aktiv gegen Faschismus und Krieg kämpften. Und dieser Kampf ist nicht vorüber, sondern höchst aktuell: Das beweisen der Rechtsruck und die Kriege weltweit. Wer heute so tut, als könne man dieses Gedenken von politischen Fragen trennen, verfälscht seinen historischen Kern.
Gerade deshalb muss Gedenken auch heute einen Bezug zur Gegenwart haben. „Nie wieder Faschismus“ ist keine leere Formel, sondern eine Verpflichtung zum Handeln. Wer die Erinnerung auf eine ritualisierte, scheinbar neutrale Form reduziert, verhindert, dass aus der Geschichte Konsequenzen gezogen werden. Doch Faschismus entstand nicht im luftleeren Raum – er war eng verbunden mit Krieg, Rassismus und der Unterdrückung sozialer Bewegungen. Und das erleben wir heute wieder vermehrt. Zum Beispiel dann, wenn propalästinensische Solidarität kriminalisiert, Projekte zur Demokratieförderung wie „Demokratie Leben“ eingestampft werden und der Kampf gegen Rechts immer weiter diffamiert wird. Zuletzt hat Wolfram Weimer angewiesen, mehrere linke Buchhandlungen von der Nominierungsliste für den Deutschen Buchhandlungspreis zu streichen. Dieser Preis zeichnet eigentlich unabhängige Buchläden für ihr Engagement und ihr kulturelles Angebot aus. Und auch der Rassismus gegen unsere Mitmenschen wird heute von der Regierung aus gefördert.
Wenn aktuelle Themen wie Kriege, Unterdrückung oder internationale Solidarität aus dem Gedenken ausgeklammert werden, wird es entleert. Es verliert seine warnende und mobilisierende Funktion. Ein lebendiges Gedenken hingegen stellt die Frage: Wo stehen wir heute? Wo gibt es Unrecht, das Widerstand erfordert? Und auf welcher Seite stehen wir?
Gedenken wird also gerade dann „würdig“, wenn es nicht beim Erinnern stehen bleibt, sondern zum Handeln auffordert. Die Geschichte von Buchenwald verpflichtet dazu, Partei zu ergreifen – gegen Faschismus, Krieg und Unterdrückung, und für eine solidarische Gesellschaft.
