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WM 2026 – Entfremdung und politische Inszenierung

Die beliebteste Sportart in Deutschland ist Fußball – und trotzdem sagen 37 Prozent der Deutschen laut einer Umfrage des ARD, dass sie „gar kein Interesse“ an der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft haben. Weitere 30 Prozent äußern nur „wenig Interesse“. Über die Hälfte der Deutschen wird die Spiele der Nationalmannschaft dementsprechend nicht aktiv verfolgen. Besonders kritisch bewertet wird das neue Turnierformat sowie die zunehmende „Eventisierung” des Fußballs. Als Hauptgründe für die Ablehnung nennen Befragte unter anderem die zunehmende Kommerzialisierung des Sports sowie Kritik an der FIFA.  

Alicia Weiss

Die WM 2026 ist die größte aller Zeiten: 48 Mannschaften, 104 Spiele, drei Gastgeberländer. Die Ausweitung des Teilnehmerfelds hat ein klares Kalkül – mehr Spiele, mehr Einnahmen. Die FIFA rechnet mit Einnahmen von mehr als elf Milliarden Dollar über den WM-Zyklus. Nicht der Sport steht im Mittelpunkt, sondern die Profitmaximierung. Hohe Ticketpreise können sich die wenigsten leisten und die zunehmende Kommerzialisierung bis hin zu künstlichen Spielunterbrechungen wegen Werbeeinblendungen widerspricht dem eigentlichen Lauf des Spiels.

Mindestens so problematisch ist die politische Dimension. Die WM findet in einer Zeit statt, in der die USA unter Donald Trump innen- sowie außenpolitisch immer aggressiver auftritt. Trump wird die WM als internationale Bühne nutzen, um die Dominanz der USA zu inszenieren. FIFA-Präsident Infantino lobte Trumps „unermüdliche Bemühungen, die Menschen im Geiste des Friedens zusammenzubringen” – eine Aussage, die angesichts des Angriffs auf den Iran, die völkerrechtswidrige Entführung Maduros in Venezuela oder die brutalen Abschiebungspraktiken der Abschiebepolizei ICE mehr als makaber erscheint. Infantino verlieh Trump im Dezember sogar einen eigens geschaffenen „FIFA-Friedenspreis” – kaum ein Regierungschef der Welt hat so viel Zugang zu Trump wie der FIFA-Präsident, der gleichzeitig behauptet, politisch neutral zu sein. Organisationen wie „Sport and Rights” sowie der norwegische Fußballverband warfen der FIFA eine „aktive Teilnahme am Sportswashing von Donald Trump” vor.

In Deutschland hat die Bundesregierung einen WM-Boykott abgelehnt – mit dem Argument, Sport und Politik seien zu trennen. Dabei ist dieses Statement selbst ein außenpolitisches Signal in Richtung Washington.

Bei der WM 2022 in Katar überboten sich Politiker, Medien, Verbandsfunktionäre und Spieler mit Kritik – zu Recht. Die DFB-Elf hielt sich demonstrativ die Hand vor den Mund, um auf das Verbot der „One Love”-Binde zu protestieren. DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig war damals lautstarker Kritiker der WM in Katar – diesmal bleiben kritische Worte weitgehend aus. Sportdirektor Rudi Völler mahnt stattdessen, dass es „nur um Fußball geht” – politische Äußerungen zu den USA unter Trump seien ab jetzt unerwünscht. Die Botschaft ist eindeutig: Menschenrechtsbrüche kritisiert man, wenn der Gastgeber geopolitisch relativ unbedeutend ist. Bei einer Weltmacht, mit der Konzerne und Verbände Milliardengeschäfte machen, gilt das Gebot der Zurückhaltung.

Und auch die Bundesregierung dürfte ein Eigeninteresse an einem stimmungsvollen Turnier haben: Ein erfolgreiches DFB-Team kann gesellschaftliche Stimmung heben und vom geplanten massiven Sozialabbau ablenken. Hinzu kommt das Interesse deutscher Konzerne, ihre Marken über die WM-Präsenz in den USA global zu vermarkten.

Das alles macht deutlich: Der Frust vieler Fans ist kein Desinteresse am Sport, sondern eine rationale Reaktion auf einen Profifußball, der sich von seinen Zuschauern immer weiter entfernt hat – und der inzwischen offen als Instrument der Mächtigen funktioniert. Die WM 2026 werden viele trotzdem schauen – aber ein echtes „Sommermärchen“ wird es nicht. 

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