Vom 19. bis 21. Juni 2026 kam die Die Linke zu ihrem 10. Bundesparteitag in der Metropolis-Halle in Potsdam zusammen. Es war der erste Parteitag, der vollständig von den Delegierten geprägt wurde, die nach dem Mitgliederboom der letzten Jahre gewählt wurden. Die Partei zählt inzwischen über 126.000 Mitglieder, was sich auch in der Zusammensetzung des Parteitags deutlich widerspiegelte.
Insgesamt waren laut Delegiertenschlüssel 580 Delegierte vorgesehen, davon 500 aus Kreisverbänden, 30 aus dem Jugendverband und 50 aus Zusammenschlüssen. Der Altersdurchschnitt lag bei rund 36,8 Jahren. 139 Delegierte waren erst 2025 oder 2026 in die Partei eingetreten. Rund 60 Prozent gaben an, erstmals an einem Parteitag teilzunehmen. Regional kamen 176 Delegierte aus Ostdeutschland, 294 aus Westdeutschland und 92 aus Berlin.
Diese neue, jüngere und politisch heterogene Delegiertenbasis prägte den Parteitag spürbar. Gleichzeitig trat kein einheitlich agierender linker Flügel auf. Stattdessen bestimmten vielfältige, teils widersprüchliche Positionen die Debatten.
Aufgeheiztes Klima vor dem Parteitag
Bereits im Vorfeld war die Stimmung angespannt. Bürgerliche Medien und einzelne ostdeutsche Landesverbände hatten kurz vor dem Parteitag scharf gegen Teile des Jugendverbands argumentiert und Vorwürfe erhoben, es gebe autoritäre oder „stalinistische“ Tendenzen. Dies führte zu innerparteilichen Gegenreaktionen und trug zur aufgeheizten Atmosphäre bei. Ein Muster, das bei Parteitagen der Linken inzwischen fast Tradition hat.
Debatten und Inhalte
In den kritischen Wortmeldungen zur Generaldebatte hinterfragten die Delegierten unter anderem eine aus ihrer Sicht zu positive Darstellung der EU im Leitantrag. Kritisiert wurde zudem, dass die Partei häufig schnell auf mediale Provokationen reagiere und sich dabei zu stark von bürgerlichen Medien treiben lasse.
Auffällig war, dass Funktionäre und Abgeordnete in ihren Redebeiträgen wieder häufiger den Begriff „Klassenkampf“ verwendeten. Viele führten dies auf die veränderte Zusammensetzung der Delegierten zurück.
Einen der eindrücklichsten Beiträge zum Thema Israel/Palästina hielt die eingeladene Knessetabgeordnete Aida Touma-Sliman. Sie bezeichnete die Mitglieder der israelischen Regierung als Faschisten und kritisierte die breite gesellschaftliche Unterstützung für Krieg und Besatzung.
Nahost-Beschluss: notwendig, aber verspätet
Nach fast drei Jahren innerparteilicher Auseinandersetzungen verabschiedete die Partei ein gemeinsames Kompromisspapier. Darin bekennt sie sich zur Zwei-Staaten-Lösung und zum gegenseitigen Existenzrecht Israels und Palästinas. Zugleich wird das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Genozid bezeichnet. Das Papier wurde mit deutlicher Mehrheit angenommen.
Kritisch bleibt festzuhalten, dass diese Positionierung erst nach langwierigen Aushandlungsprozessen zustande kam. Diese Verzögerung hat die politische Handlungsfähigkeit der Partei eingeschränkt. Aus kritischer Perspektive wäre es möglich gewesen, früher klar Stellung zu beziehen, stärkeren politischen Druck auf die Bundesregierung auszuüben und frühzeitig öffentliche Kampagnen oder Mobilisierungen zu unterstützen oder durchzuführen.
Vorstandswahlen und strategische Unklarheit
Bei der Wahl des Parteivorstands wurde Ines Schwerdtner mit 85,7 Prozent im Amt bestätigt. Luigi Pantisano erhielt trotz fehlender Gegenkandidatur lediglich 53,3 Prozent der Stimmen.
In Zwischengesprächen nannten Delegierte mehrere Gründe für dieses Ergebnis. Viele zeigten sich verärgert darüber, dass Pantisano sich unmittelbar nach der Ankündigung von Jan van Aken, nicht erneut anzutreten, öffentlich als Vorsitzkandidat positionierte. Der Eindruck, diese Kandidatur sei im Vorfeld vorbereitet gewesen und habe andere abgeschreckt, war weit verbreitet.
Inhaltlich sorgte zudem seine Haltung zur Frage möglicher Kooperationen mit der CDU zur Verhinderung von AfD-Regierungen für Kritik. Auf entsprechende Nachfragen verwies Pantisano auf die Entscheidungsfreiheit der Landesverbände selbst. Das hinterließ bei vielen Delegierten den Eindruck, dass er diese strategische Kernfrage zunächst an die Landesebene delegiert, statt selbst eine klare Linie zu formulieren.
Parlament, Protest und Klassenpartei
Die Probleme innerhalb der Partei bestehen weiterhin. Einerseits will die Partei in Bundesländern regieren oder regierungsfähig bleiben, andererseits mobilisiert sie zu einem „Protestsommer“ gegen die Reformen der Merz-Regierung.
Schwerdtner betonte in ihrer Bewerbungsrede erneut den Anspruch eine „Klassenpartei“ werden zu wollen. Doch was eine solche Klassenpartei konkret ausmacht, blieb offen. Denn eine Klassenpartei wird man nicht allein dadurch, dass verstärkt Forderungen zugunsten der Arbeiterklasse erhoben werden. Eine Klassenpartei müsste vielmehr für die politische Macht der Arbeiterklasse kämpfen.
Es fehlt außerdem eine nachvollziehbare Resonanz darüber, wie viele Mitglieder tatsächlich in Betrieben, an Werkstoren oder in gewerkschaftlichen Kämpfen gewonnen wurden, gar ob es überhaupt dahingehend eine Praxis gibt. Und auch die Tatsache, dass eine Regierungsbeteiligung immer wieder angestrebt wird, deutet darauf hin, dass die Partei ihre Rolle vor allem als Opposition innerhalb des bestehenden politischen Systems versteht.
Beschlüsse, Atmosphäre und Fazit
Am Sonntagnachmittag beschlossen die Delegierten einen verpflichtenden Gehaltsdeckel für Bundestags- und EU-Abgeordnete in Höhe von 5.300 Euro brutto ab der nächsten Legislaturperiode. Die Debatte verlief vergleichsweise ruhig. Deutlich konfliktreicher war die Diskussion um einen Antrag zur „Sexarbeit“. Ein Dringlichkeitsantrag zum Thema Stalinismus im Jugendverband kam nicht zur Abstimmung und führte zu Protesten einzelner Delegierter.
Auffällig war zudem die Inszenierung des Parteitags. Licht- und Soundtechnik sowie die minutenlangen Show-Präsentationen der Kandidierenden erinnerten eher an ein amerikanisches Polit-Event als an frühere Parteitage der Linken. Viele Delegierte beschrieben dies als neu und ungewohnt.

