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Der Umbau der Industrie auf Kriegswirtschaft unter Katherina Reiche

„Wir müssen in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“ so der ehemalige EU-Kommissar Thierry Breton am 3. Mai 2023. Der Aufbau einer Kriegswirtschaft wird inzwischen immer deutlicher erkennbar. An der Veranstaltung “Industrie im Dialog für Sicherheit” Anfang Dezember vergangenen Jahres finden Kriegsminister Boris Pistorius und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche klare Worte. Frau Reiche ganz konkret „Die Automobilindustrie, um ein Beispiel zu nennen, verfügt über Kompetenzen, die derzeit im Verteidigungsbereich dringend gebraucht werden. Leichtbau, moderne Antriebstechnologien, Sensorik, Software, hochpräzise Qualitätssicherung – all das lässt sich gezielt auf militärische Anwendungen übertragen“. Boris Pistorius bestätigt „Die Trennung zwischen Rüstungs- und ziviler Industrie macht keinen Sinn“.  

Paul Otto

Mit dem Ziel Deutschlands Wirtschaft für den kommenden Krieg fit zu machen, richtet die Wirtschaftsministerin einen Beirat ‘Beraterkreis für den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie’ ein. Zu diesem illustren Kreis gehört der Verwaltungsratsvorsitzende von Airbus, René Obermann. Airbus stellt neben Passagierflugzeugen auch Kampfflugzeuge und autonome Drohnen her. Im Beirat sitzt ebenfalls der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularik.  Dieser kritisierte die Haushaltspolitik der damaligen Ampelregierung unter Olaf Scholz als Sicherheitsrisiko für Europa. Trotz der 100 Milliarden Sonderschulden wäre das Tempo und der Umfang der Aufrüstung zu gering. Damit der Umbau der deutschen Wirtschaft militärstrategischen Gesichtspunkten genügt, wird der Beirat durch den vormaligen Kommandeur der ersten Panzerdivision, Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart und durch den Militärexperten und früheren leitenden Mitarbeiter im Kriegsministerium, Nico Lange ergänzt. Letzter tritt in diversen Formaten bei Funk und Fernsehen, sowie auf Podiumsdiskussionen und Konferenzen als Einpeitscher einer rapiden Hochrüstung und aggressiven Außenpolitik Deutschlands auf.

Katherina Reiche versammelt in ihrem Beraterkreis radikale Militaristen

Nico Lange, Senior Fellow für die Zeitenwende-Initiative bei der Münchener Sicherheitskonferenz forderte vor zwei Monaten am 6. Mai den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in der Ukraine. „Mit Blick auf Gesamteuropa wäre es wichtig, dass Deutschland hier führt. Aber wir sind leider vor allem reaktiv unterwegs, das ist zu wenig. Die Koalition der Willigen für Sicherungstruppen in der Ukraine ist ein Paradebeispiel. Wir machen zwar mit, aber nur verzagt. In diesem Fall wollen wir Truppen stellen, aber nur von außerhalb der Ukraine.“ Überhaupt sei die Bundesregierung viel zu zaghaft. „Die deutsche Verteidigungspolitik und die Verteidigungswirtschaftspolitik müssen sich radikal neu ausrichten. … Tempo geht dabei vor Perfektion, da in der modernen Kriegsführung derjenige gewinnt, der seine Frontstreitkräfte am schnellsten mit Technologie versorgt.“

René Obermann vom Rüstungskonzern Airbus fordert für den Rüstungsbereich – gemeinsam mit den drei anderen Mitgliedern des Beirats – eine Planwirtschaft mit 10-Jahres-Plänen. „Um die ökonomischen Chancen zu nutzen, die in der Zeitenwende liegen, muss Deutschland seine Status-quo-Orientierung überwinden“. Damit liegt er auf einer Linie mit Benjamin Tallis, welcher in den Jahren 2022 bis 2024 Leiter des Projekts “Zeitenwende” bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik gewesen ist. Die Umstellung auf Kriegswirtschaft erfordere „eine hochgradige Kontrolle sowie eine staatliche Lenkung der Wirtschaft“. Heute ist Benjamin Tallis bei der Rüstungsfirma Helsing AI angestellt, welche sich auf die Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) für militärische Anwendungen, insbesondere Kampfdrohnen, spezialisiert hat. Dort arbeitet er inzwischen als Lobbyist (Senior Government Affairs Manager) zur Beeinflussung von sogenannten Entscheidungsträgern in Regierungen.

Steigerung der Produktivität durch Wochenend- und Schichtarbeit

Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der konservativen Kräfte im Europaparlament nennt mögliche Konsequenzen einer Kriegswirtschaft. „Das bedeutet beschleunigte Genehmigungsverfahren bei Rüstungsgütern. … Aber das kann auch bedeuten, dass die Rüstungshersteller künftig am Wochenende im Schichtsystem arbeiten und Unternehmen, die bisher Industriegüter für zivile Zwecke hergestellt haben, künftig Waffen produzieren werden.“ Aus Erfahrung gehen beschleunigte Genehmigungsverfahren mit der Einschränkung von Umweltauflagen und dem Abbau von Arbeits- und Gesundheitsschutzvorgaben einher. Dazu gehören die aktuell in der Bundesregierung diskutierten Änderungen bei der täglichen und wöchentlichen Höchstarbeitszeit.

Ein weiterer radikaler Militarist im Beraterkreis der Ministerin ist Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart. „Wir brauchen eine Kehrtwende, die sich nicht ausschließlich auf den monetären Aspekt bezieht. Es sind die Prozesse und die darin involvierten Menschen, die den Systemfortschritt verhindern“. Der Generalleutnant wirft in einer Veröffentlichung des Bundeswehrverbandes vom Oktober 2025 Kriegsminister Boris Pistorius Realitätsverweigerung vor und schlussfolgert „Eine militärische Erfolgsbilanz kennt nur Sieg oder Niederlage. Bleibt die Bundeswehr im Irrgarten der Scheinreformen gefangen, drohen tödliche Konsequenzen“.

Drastische Erhöhung der Produktionskapazitäten für Waffen und Kriegsgerät

Moritz Schularik, gleichfalls Mitglied des Beraterkreises von Frau Reiche hat im März dieses Jahres im ‘Kiel Policy Brief Nr. 204’ Ökonomische Leitlinien für die Kriegsvorbereitung veröffentlicht. Darin kritisiert er die Regierungskoalition für deren mangelnde Effizienz und Geschwindigkeit beim Umbau der Industrie auf Kriegswirtschaft. Die umfangreichen Bestellungen an Rüstungsgütern durch die Bundeswehr hält er für unzureichend. Um für den kommenden Krieg ausreichend vorbereitet zu sein, fordert er den Aufbau von Produktionskapazitäten, welche weit über die geplanten Bestellungen der Bundeswehr hinausgehen. Die deutsche und europäische Kriegswirtschaft soll dadurch in die Lage versetzt werden, in einem laufenden Krieg die verschossene Munition und die vom Kriegsgegner vernichteten Kriegswaffen umgehend ohne Zeitverzögerung zu ersetzen. Um eine erfolgreiche Kriegsführung zu ermöglichen, werden Fabriken in einer Größenordnung benötigt, wie zuletzt in Deutschland während des 2. Weltkriegs gesehen. Wohlgemerkt es geht hier nicht um die Aufrüstung der Bundeswehr, sondern um den Nachschub an Kriegsmaterial während eines laufenden militärischen Konflikts. Konkret schlägt Moritz Schularik vor, riesige Fabrikanlagen, einschließlich der notwendigen Materiallager und Mitarbeiter durch Kapazitätsverträge genannte staatliche Subventionen bereit zu halten „Die Zahlung erfolgt unabhängig davon, ob tatsächlich produziert wird“. Wer es bis jetzt noch nicht geglaubt hat, sollte sich endlich den Tatsachen stellen: Die Bundesregierung bereitet sich ernsthaft auf eine existenzielle militärische Auseinandersetzung, einen großen Krieg vor.

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