Düzgün Altun ist Mitglied der Bundesgeschäftsführung von DIDF. Im Rahmen der Migrationskonferenz in Bochum haben wir mit ihm ein Gespräch über die Bedeutung des Themas Migration und den Kampf gegen Ungerechtigkeit gesprochen.
Ozan Dağhan
Warum ist das Thema „Strukturwandel und Migration im Ruhrgebiet“ für die DIDF besonders wichtig?
Das Ruhrgebiet ist eines der zentralen Gebiete, wo die ersten Arbeitsmigranten hingezogen sind und immer noch sehr viele dort leben. Von den 5,1 Millionen Menschen, die im Ruhrgebiet leben, haben ca. eine Millionen Menschen keinen deutschen Pass. Mit denen, die sich in der Zwischenzeit haben einbürgern lassen, ist die Zahl weit mehr als eine Million. Das Ruhrgebiet ist auch prädestiniert dafür, welche Folgen eine derart tiefgehende Veränderung (Strukturwandel) für die gesamte Gesellschaft, für den Einzelnen in allen Lebensbereichen mit sich bringt. Schon 1957 nahm die Kohlekrise seinen Anfang, bis 2018 die letzte Zeche schloss. Und in den 70er Jahren folgte die Stahlkrise. Im weiteren Verlauf die Schließung der Opelwerke, Nokia etc. All das hatte zur Folge, dass hunderttausende Menschen die Arbeit verloren. Und leider müssen wir auch hier feststellen, dass Migranten deutlich mehr davon betroffen waren. Den finanziellen Einbußen folgten auch politische und soziale Benachteiligung und Ausgrenzung. Viele waren ungelernt, für sie war es schwer wieder Arbeit zu finden. Kurz gesagt, die ganze Region war massiv von Arbeitslosigkeit und immer größer werdenden Armut betroffen. Für die Migranten kam noch Ausgrenzung und Schuldzuweisungen an der Situation dazu, ob wohl wir auch nicht vergessen sollten, dass die Menschen im Ruhrgebiet sowohl im Selbst-als auch im Fremdbild als direkt, unkompliziert und offen gelten. Dieses kollegiale/kumpelhafte Miteinander wurde und wird durch die herrschende Politik und rechte Kräfte massiv beschädigt. Deswegen ist es wichtig für uns, auf das Ruhrgebiet zu schauen.
Warum ist es problematisch, soziale Krisen als Folge von Migration darzustellen?
Weil das nicht stimmt. Soziale Krisen oder Verwerfungen haben niemals nur einen einzigen Grund. Vor allem sind nicht diejenigen daran schuld, die am meisten darunter leiden müssen. Das Ruhrgebiet ist ein gutes Beispiel dafür. Wie eben erwähnt, begann die sogenannte Kohlekrise schon Ende der 50er Jahre. Die größte Zahl der Bergarbeiter, vor allem aus der Türkei, kam erst 1967-68. Krisen haben zum einen einen direkten Zusammenhang mit den internationalen wirtschaftlichen und politischen Situationen und zum anderen mit der herrschenden Politik, die leider der Profitmaximierung der Konzerne und der Reichen „dient“. Krisen sind also systemisch, haben nichts mit Herkunft, Glaube oder Hautfarbe der Menschen zu tun, die hier leben.
Was müssen Politik, Zivilgesellschaft und migrantische Organisationen tun, um sozialer Spaltung und rassistischen Deutungen entgegenzuwirken?
Die Frage birgt stückweit auch die Antwort in sich. Denn es ist nur zu schaffen, wenn wir zusammen was tun. Ob Gewerkschaften, demokratische Organisationen und Parteien, in Sport oder Kultur, ob jung oder alt, in allen Bereichen ist es dringend notwendig zusammen zu kommen und gemeinsam zu überlegen, wie wir gegen die Angriffe auf unsere sozialen Rechte, auf unser Rechte im Arbeitsleben und Spaltung vorgehen können. Wenn wir wieder auf das Ruhrgebiet schauen, dann sehen wir, dass die AfD die vorhandenen Probleme in der Region missbraucht, um ihre Hetzte gegen alle, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, zu voranzutreiben. Und damit sind keinesfalls nur Migranten gemeint, sondern auch arme Menschen, Obdachlose und andere Teile der Gesellschaft, die es aus unterschiedlichsten Gründen schwer haben, diese miserablen Verhältnisse zu überwinden. In 30 Verwaltungsbezirken im Ruhrgebiet hat die AfD bei den letzten Wahlen mehr als 15 Prozent Stimmen bekommen. In einigen wie Gelsenkirchen knapp die Mehrheit verpasst. Diese Entwicklung ist gefährlich und kann nur mit gemeinsamer Anstrengung bekämpft werden. Es reicht aber auch nicht nur auf die AfD zu schimpfen. Wir müssen konkrete soziale und politische Forderungen stellen, für die wir alle gemeinsam einstehen. Wir müssen die Demagogie und Lügen der AfD entlarven, aber auch kritisch gegenüber der Regierungspolitik sein, denn Debatten über „Stadtbild“ oder „Einwanderung in die Sozialsysteme“ spielen der AfD in die Hände.

