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Europas eskalierende Wohnungsfrage

Wohnen ist ein Grundbedürfnis und in Europa zunehmend ein Geschäft, an dem Konzerne, Fonds und Eigentümer verdienen. In vielen Städten steigen Mieten schneller als Einkommen, bezahlbare Wohnungen fehlen, Menschen werden verdrängt. Die Krise ist kein Betriebsunfall des Marktes: Wohnraum wurde dem Renditedruck ausgesetzt, während öffentlicher und gemeinnütziger Wohnungsbau zurückblieb. Von Berlin über Madrid und Paris bis Rom zeigt sich derselbe Konflikt: Wer bestimmt über Wohnungen? Die Menschen, die darin leben oder diejenigen, die damit Gewinne erzielen?

Eren Gültekin

 

Deutschland: Wem gehört deine Wohnung?

In deutschen Großstädten treffen knapper Wohnraum, hohe Neuvertragsmieten und geringe Einkommen aufeinander. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Angebotsmieten für neue Verträge um 3,2 Prozent. Wer umziehen muss, zahlt häufig deutlich mehr als langjährige Mieterinnen und Mieter und kann sich die eigene Stadt irgendwann nicht mehr leisten.

In Berlin steht die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ (DWE) seit Jahren für den Kampf gegen die Macht großer Immobilienkonzerne. Der Volksentscheid von 2021, bei dem sich 57,6 Prozent für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen aussprachen, wurde zu einem historischen Erfolg der Mieterbewegung. Doch die politische Umsetzung blieb umkämpft. Auch bei der Berliner Wahl 2026 zeigte sich die Bedeutung der Wohnungsfrage: Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. Die anschließenden Angriffe in Medien und Politik sowie die Debatten über Antisemitismusvorwürfe und sogenannte Clan-Kriminalität drohen, die Wohnungsfrage aus dem Zentrum der politischen Auseinandersetzung zu verdrängen. Das ist auch ein Versuch, die Interessen der Immobilienlobby vor einer grundlegenden politischen Herausforderung zu schützen.

Wie groß der Einfluss und wie eng der Zugang der Immobilienlobby und großer Immobilienkonzerne zur Politik sind, zeigen die Lobbykontakte: Vertreter der Immobilienwirtschaft kamen auf 51 Treffen, Interessenvertretungen der Mieterseite auf 34; allein Vonovia wurde zwölfmal gezählt. Diese Zahlen werfen die Frage auf, wessen Anliegen in der Politik Gehör finden. Während Mieterinitiativen jahrelang um politische Aufmerksamkeit kämpfen, verfügen die Immobilienkonzerne über etablierte Zugänge zur Politik. Die Forderung nach Vergesellschaftung, mit der Die Linke im Wahlkampf warb und für die sie politische Unterstützung gewann, wird damit zum Störfaktor für jene Kräfte, die sich gegen eine solche Eigentumsordnung stellen.

Dabei darf auch die eigene Geschichte der Linken nicht ausgeblendet werden: 2004 war die damalige PDS an der Berliner Regierungsverantwortung beteiligt, als rund 66.000 landeseigene Wohnungen für etwa 405 Millionen Euro an private Finanzinvestoren verkauft wurden, darunter Goldman Sachs. Dieser Verkauf steht bis heute beispielhaft für die Folgen einer Politik, die öffentliche Wohnungsbestände privatisiert und damit langfristig Einfluss auf die Mietentwicklung und die soziale Zusammensetzung der Stadt abgegeben hat. Wer heute Vergesellschaftung fordert, muss sich deshalb auch an den wohnungspolitischen Entscheidungen der eigenen politischen Vorgänger messen lassen.

 

Spanien: Protest und politische Blockaden

Anfang Oktober gingen in Spanien mehrere Hunderttausend Menschen gegen explodierende Mieten und unerschwingliche Wohnungen auf die Straße. Zum Symbol dieser Kämpfe wurde die 87-jährige María del Carmen Abascal, genannt Maricarmen. Nach 71 Jahren in ihrer Madrider Wohnung wurde sie am 23. September zwangsgeräumt. Der öffentliche Druck führte zu einer Vereinbarung, die ihr die Rückkehr zu einer bezahlbaren Miete ermöglichen sollte. Doch am 7. Oktober starb sie im Krankenhaus. Ihr Schicksal wurde zum Sinnbild der menschlichen Folgen von Immobilienspekulation und Verdrängung. Zugleich scheiterten zwei wohnungspolitische Dekrete der Regierung im Parlament. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte daraufhin vorgezogene Neuwahlen für den 29. November 2026 an. Die Miete pro Quadratmeter stieg von 8,20 Euro 2016 auf 15,10 Euro 2026, ein Plus von 84 Prozent. Für Beschäftigte mit normalen Einkommen wird Wohnen damit zur Frage, ob sie in der Nähe ihrer Arbeit bleiben können oder aus den Städten verdrängt werden. Für den 11. November ist zudem ein Generalstreik für das Recht auf Wohnen angekündigt.

 

Frankreich: Regulierung wirkt und bleibt umkämpft

Paris zeigt, dass Mietregulierung den Anstieg begrenzen kann. Nach städtischen Schätzungen hat die Regulierung der Referenzmieten den Mietanstieg um 5,2 Prozentpunkte gedämpft; Mieterinnen und Mieter sparten im Durchschnitt beinahe 1.000 Euro jährlich. Doch die Stadtregierung will weitergehen: Angesichts Hunderttausender leer stehender Wohnungen plant sie höhere Abgaben auf längerfristigen Leerstand, strengere Regeln für touristische Kurzzeitvermietungen und 60.000 zusätzliche Sozialwohnungen innerhalb von sechs Jahren. Damit geht es nicht nur darum, Mieten zu begrenzen, sondern auch darum, vorhandenen Wohnraum für die Menschen zugänglich zu machen, die ihn dringend benötigen. Die Maßnahmen zeigen zugleich, dass bezahlbares Wohnen politische Eingriffe in Eigentums- und Verwertungsinteressen erfordert. Für Mieterorganisationen und Gewerkschaften bleibt entscheidend, solche Ansätze auszubauen und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Steigende Mieten sind keine Naturgewalt.

 

Italien: Leerstand neben Wohnungsnot

In Italien stehen rund sieben Millionen Menschen unter erheblichem Wohnkostendruck; etwa 100.000 droht eine Räumung. Jährlich ergehen rund 40.000 gerichtliche Räumungsanordnungen. Gleichzeitig werden rund 9,6 Millionen leer stehende Immobilien genannt. Diese breite Zahl umfasst auch Objekte von Unternehmen und bedeutet nicht, dass jede Immobilie sofort bewohnbar oder verfügbar wäre. Sie verdeutlicht dennoch den Widerspruch zwischen Leerstand und fehlendem Zuhause. Die Mieten stiegen zuletzt jährlich um 4,4 Prozent. Am 12. Oktober protestierten Studierende gegen die hohen Zimmerpreise: Ein Studium in einer anderen Stadt wird so zur finanziellen Hürde, während die Miete einkommensarme Haushalte existenziell belastet.

 

Europaweit: Wohnen dem Profit entziehen

Auch wenn es Unterschiede auf nationaler Ebene gibt, ist die gemeinsame Dynamik klar: Wohnraum wird zunehmend als Anlage betrachtet. Immobilienfonds und institutionelle Investoren suchen Rendite; Bestände werden nach Ertrag bewertet, steigende Mieten versprechen Einnahmen. Wo Wohnungen vor allem Finanzanlagen sind, entscheidet die Zahlungsfähigkeit darüber, wer wohnen kann. Das verschärft Ungleichheit und schwächt das Recht auf Wohnen.

Die Immobilienkonzerne sind politisch gut organisiert. Ihre Interessen treffen auf Regierungen, die Investitionen anziehen wollen, während öffentliche Bauprogramme oft zu kurz kommen. Wenn mächtige Unternehmen leichter Gehör finden als Mieterinnen, Mieter und Beschäftigte, ist diese Schieflage Teil des Problems.

Eines ist klar: Europa braucht mehr dauerhaft gebundene Sozialwohnungen, kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau, wirksame Mietbegrenzungen, Schutz vor Verdrängung und eine konsequente Nutzung leer stehender Gebäude.

Gewerkschaften müssen die Wohnungsfrage als Arbeits- und Verteilungsfrage behandeln: Wer einen großen Teil des Lohns für Miete ausgibt, hat weniger zum Leben und steht unter zusätzlichem Druck. Mieterinitiativen, Beschäftigte und soziale Bewegungen machen europaweit Druck für bezahlbaren Wohnraum, demokratische Kontrolle großer Bestände und Regeln, die Menschen vor Renditeinteressen schützen.

Die Krise ist kein Schicksal. Sie ist politisch gemacht und kann politisch verändert werden. Entscheidend ist, ob Regierungen Wohnraum weiter als Ware behandeln oder als soziale Infrastruktur begreifen. Wohnungen müssen Menschen ein Zuhause bieten, nicht Fonds hohe Renditen. Solange die Interessen der Immobilienlobby mehr zählen als die Bedürfnisse der Wohnenden, bleibt die Krise bestehen. Eine andere Wohnungspolitik beginnt dort, wo das Recht auf Wohnen Vorrang vor dem Recht auf Profit erhält.

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