Written by • 20:07• DEUTSCH

Spanien: Hunderttausende auf den Straßen nach Zwangsräumung einer 86-Jährigen

In Spanien ist die seit Jahren zugespitzte Wohnraumkrise in dieser Woche öffentlich eskaliert. Seit Mittwoch sind Hunderttausende von Menschen auf den Straßen, um gegen Zwangsräumungen von Mietwohnungen zu demonstrieren. Allein diesen Samstag folgten 300.000 Menschen in Madrid dem Aufruf der Mietergewerkschaft. Ähnlich wie bereits im Zuge der monatelangen Protestaktionen „15-M“ von 2011 campierten Demonstranten auf dem zentralen Platz „Puerta del Sol“, wie Medien berichteten.

Hintergrund ist die am Mittwoch im vierten Versuch erfolgte Zwangsräumung von Maricarmen, eine 86-jährige Rentnerin, in Madrid. Seit 71 Jahren lebte sie dort – bis ein „Investment-Fond“ die Wohnung kaufte und die Miete deutlich erhöhte (von 500 auf 2.650 Euro), so dass Maricarmen sie nicht von ihrer Rente zahlen konnte. Die Polizei verletzte während des Einsatzes mehrere Demonstranten und nahm eine Person fest. Maricarmen musste wegen „schwerer Erschöpfung“ in ein Krankenhaus eingeliefert werden, wo sie noch am Samstag lag. Sollte sie das Krankenhaus verlassen, steht sie laut Angaben der Familie ohne Dach über dem Kopf da. 

Zwangsräumungen finden in Spanien – wie auch in Deutschland – täglich zu Dutzenden statt. Sie sind aber nur die Extremfolge einer tiefgreifenden Wohnungskrise, die besonders junge und ältere Menschen zu spüren bekommen. In Spanien verlassen „Kinder“ durchschnittlich erst mit 30 Jahren das Elternhaus, das ist 7 Jahre später als in Deutschland und liegt 4 Jahre über dem EU-Mittelwert.

Auch in der institutionellen Politik Spaniens haben die massiven Proteste gegen die überhöhten Mieten eine Krise ausgelöst. Der Koalitionspartner „Sumar“ innerhalb der von Pedro Sánchez angeführten Zentralregierung (seine Partei ist mit der SPD vergleichbar) droht, die kommende Kabinettssitzung zu boykottieren, wenn kein Dekret gegen die Wohnungskrise beschlossen wird. Eine der Forderungen, Maricarmens ehemalige Wohnung zu enteignen und ihr zurückzugeben, ist rechtlich schwierig. Auf dem Spiel steht vor allem ein Dekret, dass kurzfristig Zwangsräumungen von vulnerablen Personen aufhalten soll, wie es bereits in den letzten Jahren mehrfach zeitweise galt.

↑
Close