Das internationale Jugendcamp der DIDF-Jugend und der Internationalen Jugendverbandes (IJV) Anfang August am Attersee in Österreich zeigte, wie ein alternativer Kulturansatz praktisch funktionieren kann. Dort konnten Jugendliche in Theater-, Musik-, Kunst-, Tanz-, Zeitungs-, Film-, Foto-, Medien- oder Graffiti-AGs nicht einfach nur fertige Kultur konsumieren, sondern selbst etwas herstellen. Sie schrieben Berichte und Artikel, filmten, fotografierten, komponierten, tanzten, spielten und gestalteten 10 Tage voller Solidarität und Zusammenhalt. Das Jugendcamp hat gezeigt, dass eine andere Welt gemäß dem Camp-Motto „Wir haben eine Welt zu gewinnen!“ möglich ist. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung des internationalen Jugendcamps 2026.
Oktay Demirel
Rund 900 Jugendliche aus 21 Ländern haben am Camp teilgenommen und eine alternative Welt gezeigt, in der Konkurrenz, Individualisierung und Konsum nicht die einzigen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens sein können. Die Ergebnisse wurden anschließend bei Abendveranstaltungen gemeinsam präsentiert. Am Ende konnten alle stolz auf sich sein: Denn wer persönlich erlebt hat, dass er gemeinsam mit anderen in wenigen Tagen einen Song produzieren, ein Theaterstück entwickeln, eine Zeitung herausgeben oder einen Film drehen kann, nimmt eine andere Erfahrung mit nach Hause als jemand, der zehn Tage lang lediglich ein Unterhaltungsprogramm konsumiert hat.
Alternative Kultur ist möglich!
Politik beschäftigt sich mit Gesellschaft und Gesetzen, Kultur mit Kunst und Freizeit. Man soll doch beides immer voneinander trennen?! So wird es zumindest überall erklärt. Aber genau diese Trennung ist selbst ein Spiegel der gesellschaftlichen Produktionsbeziehungen. Sie vermittelt uns, dass es auf der einen Seite die „wichtigen“ fast schon „gottgegebenen und unveränderlichen“ Dinge des Lebens gibt – Arbeit, Einkommen, Politik, Staat – und auf der anderen Seite die Freizeit, in der wir uns von diesem Leben erholen und konsumieren dürfen.
Aber ist dieses Kulturverständnis das, was der Menschheit dienlich ist und was wir heutzutage benötigen? Kultur ist Teil des gesellschaftlichen Lebens. Und deshalb ist die Frage, welche Kultur wir selber schaffen, immer auch die Frage, welche Menschen und welche gesellschaftlichen Beziehungen wir hervorbringen wollen.

Kultur ist mehr als Konsum
Wir leben in einer Gesellschaft, in der nahezu alles zur Ware gemacht wird. Überteuerte Konzertkarten, unzählbare Streamingdienste, die man alle haben muss, Spiele auf diversen Endgeräten, bezahlte Werbung auf sozialen Plattformen. Selbst die Aufmerksamkeit drei Sekunden auf einer Seite zu lassen, ist zu einer Ware geworden. Algorithmen entscheiden darüber, welche Bilder wir sehen, welche Musik uns vorgeschlagen wird und welche Themen für uns wichtig sein sollen. Die sogenannte „Kulturindustrie“ produziert dabei nicht einfach nur Unterhaltung. Sie produziert Bedürfnisse, Lebensstile und Vorstellungen davon, wie jeder leben soll, ohne dass man sich je selber Gedanken darüber gemacht hätte.
Der erfolgreiche Mensch ist jung, schön, individuell, flexibel und ständig damit beschäftigt, sich selbst zu finden, zu verwirklichen und das auf Insta zu posten.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder einzelne Film, jeder Song oder jedes Selfie in einer atemberaubenden Naturlandschaft einfach „bürgerliche Propaganda“ wäre. Kultur ist widersprüchlich. Auch unter kapitalistischen Bedingungen entstehen Momente, die gesellschaftliche Widersprüche sichtbar machen, die Moral und Aktivität in Konflikt zueinander bringen, die Ungerechtigkeit anprangern oder Menschen zum Nachdenken zwingen. Aber die grundlegende Tatsache bleibt bestehen: Die überwiegende Mehrheit produziert Kultur nicht selbst, sondern konsumiert sie.
Jeder Mensch ist aber fähig, Kultur selber zu schaffen. Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht. Denn die kapitalistische Gesellschaft nimmt dem Menschen die eigenen Fähigkeiten.
Wir wollen eine Gesellschaft von Produzenten, von schöpferisch tätigen Menschen.
Dabei geht es nicht darum, professionelle Kunst geringzuschätzen, sondern die künstliche Grenze zwischen denjenigen, die Kultur produzieren und denjenigen, die sie lediglich konsumieren, aufzuheben.
Die Kultur des Kapitalismus vereinzelt – unsere alternative Kultur muss bündeln
Die kapitalistische Gesellschaft fördert Konkurrenz, auch im Kulturalltag: Sei du selbst! Entfalte dich! Mach dein eigenes Ding! Du bist für dein Leben selbst verantwortlich. Wenn du scheiterst, bist du selbst schuld. Eine alternative Kultur muss diesem egoistischen Individuum die Gemeinschaft und Solidarität entgegensetzen. Das bedeutet keinesfalls, dass alle dasselbe machen oder denken müssen. Im Gegenteil. Eine wirkliche Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Interessen entfalten können. Das erleben wir aber gerade dort, wo Menschen gemeinsam Kultur produzieren. Doch eine alternative Kultur entsteht nicht automatisch dadurch, dass man rote Fahnen aufhängt, Arbeiterlieder singt oder politische Parolen auf ein Tuch schreibt. Sie entsteht auch dadurch, dass man sich zugleich gegen eine Kultur wendet, die behauptet, Kunst müsse „unpolitisch“ sein. Besonders perfide wird es, wenn man bedenkt, dass die Aussage, Kunst habe nichts mit Politik zu tun, selbst eine politische Position ist, die der Kunst die Existenzgrundlage klaut!
Wenn über Krieg nicht gesprochen werden darf, wenn Armut nicht sichtbar gemacht wird, wenn Rassismus aus einem Theaterstück verschwinden soll und wenn die Lebensrealität der Arbeiterklasse als „zu einseitig politisch“ gilt, während Werbung und Konsum überall präsent sind, dann ist das keine Neutralität. Im Gegenteil ist es die Akzeptanz der bestehenden Verhältnisse.

Kultur ist Klassenkampf
Der Begriff des Klassenkampfes endet nicht an den Toren der Betriebsstätten. Natürlich findet Klassenkampf um den 8-Stundentag, Lebensarbeitszeit, Arbeitsplätze, Rente und soziale Sicherheit statt. Aber die herrschenden Verhältnisse werden dadurch stabilisiert, dass bestimmte Vorstellungen vom Menschen und von der Gesellschaft als selbstverständlich erscheinen. Wenn ständig erzählt wird, Konkurrenz sei normal, Erfolg sei individuell und gesellschaftliche Probleme seien persönliche Probleme, dann werden gesellschaftliche Verhältnisse zu persönlichen Schicksalen gemacht. Und wenn Armut als persönliches Versagen erscheint, wenn Arbeitslosigkeit als individuelles Problem behandelt wird und wenn Jugendliche glauben, sie müssten sich selbst „optimieren“, statt gemeinsam für bessere Bedingungen zu kämpfen, dann wirkt die kapitalistische Ideologie.
Wir wollen eine Welt, in der der Mensch nicht Ware und Konsument ist, sondern Produzent und Gestalter des kollektiven gesellschaftlichen Lebens. Und das Kulturangebot auf dem Jugendcamp von der DIDF-Jugend und des IJV sind ein erster Schritt, den man nun in allen Orten ausbauen muss, damit Arbeiter, Frauen, Jugendliche und Migranten ihren Glauben an ihre Möglichkeiten und Macht wiedergewinnen können. Wir müssen die Kultur in unsere Städte, Betriebe, Schulen, Vereine und Jugendgruppen tragen. Wir müssen Räume schaffen, in denen Menschen ihre Fähigkeiten entdecken und gemeinsam Kultur produzieren können. Denn gerade in einer Zeit, in der Krieg, Faschismus, Rassismus und soziale Unsicherheit zunehmen, brauchen wir Orte, an denen Menschen nicht vereinzelt werden, sondern zusammenkommen und gemeinsam handeln.

