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„Unsere Stärke liegt in unserer Einheit: Eine IG BAU, die sich den Beschäftigten zuwendet, sich organisiert und die Zukunft gemeinsam gestaltet“

Der 24. Ordentliche Gewerkschaftstag der IG BAU findet vom 27. bis 30. September 2026 in Kassel statt. Der Kongress folgt unmittelbar auf eine Phase, in der die Auseinandersetzungen um soziale Rechte und die Arbeitswelt in Deutschland deutlich zugenommen haben. Zeynep Biçici, Tochter einer aus der Türkei stammenden Arbeiterfamilie und seit vielen Jahren in der Gewerkschaftsbewegung aktiv, kandidiert ebenfalls für den Bundesvorstand der IG BAU. Im Mittelpunkt ihrer Kandidatur stehen die Rückkehr der Gewerkschaft in die Betriebe, die Stärkung der Organisierung und die Umkehr des Mitgliederrückgangs.

 

Kannst du etwas über dich erzählen?

Meine Geschichte ist die Geschichte einer Arbeiterfamilie, die in den 1960er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Meine Familie gehörte zur ersten Generation der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten aus der Türkei.

Deshalb kenne ich das Leben der eingewanderten Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland, ihre Arbeit, die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert waren und sind, sowie ihren wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung dieses Landes aus nächster Nähe. Für mich ist das nicht nur meine Familiengeschichte, sondern auch eine wichtige Lebenserfahrung, die meinen Blick auf den gewerkschaftlichen Kampf geprägt hat.

Heute stehe ich als Tochter einer türkeistämmigen Arbeiterfamilie, als Frau mit langjähriger Erfahrung in der deutschen Gewerkschaftsbewegung und als Kandidatin für den Bundesvorstand der IG BAU an diesem Punkt. Meine Kandidatur sehe ich nicht lediglich als persönliches Ziel. Ich bin davon überzeugt, dass Beschäftigte mit Migrationsgeschichte und insbesondere Frauen in den gewerkschaftlichen Entscheidungsstrukturen stärker vertreten sein müssen.

Für mich ist Gewerkschaftsarbeit kein Amt, sondern Verantwortung. Beschäftigte anzuhören, an ihrer Seite zu stehen, ihre Rechte zu verteidigen und ihnen vor allem zu helfen, ihre eigene Stärke zu erkennen – das sind für mich die grundlegenden Aufgaben einer Gewerkschaft.

 

Soziale Rechte stehen massiv unter Beschuss. Warum brauchen wir gerade in einer solchen Zeit Gewerkschaften?

Gerade in solchen Zeiten brauchen wir Gewerkschaften mehr denn je. Denn wenn soziale Rechte, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzsicherheit unter Druck geraten, wird es für einzelne Beschäftigte immer schwieriger, ihre Interessen zu verteidigen.

Von Löhnen und Arbeitszeiten über die soziale Absicherung und die Rente bis hin zu Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz werden zahlreiche erkämpfte Rechte infrage gestellt.

In einer solchen Situation ist eine Gewerkschaft nicht nur eine Organisation, die bestehende Rechte verteidigt. Sie ist zugleich eine demokratische und gesellschaftliche Kraft, die es Beschäftigten ermöglicht, gemeinsam zu handeln.

Die für den 26. September in vielen Städten Deutschlands geplanten Massenproteste halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig. Beschäftigte müssen zeigen, dass sie Angriffe auf soziale Rechte nicht einfach hinnehmen.

Dass anschließend der Gewerkschaftstag der IG BAU stattfindet, ist ebenfalls von besonderer Bedeutung. Denn wir müssen eine starke Verbindung zwischen den Kämpfen auf der Straße und den Entscheidungen des Gewerkschaftstages herstellen. Die Forderungen der Beschäftigten müssen nicht nur bei Protesten, sondern auch in den Entscheidungsstrukturen der Gewerkschaft deutlich zum Ausdruck kommen.

 

Es ist geplant, befristete Arbeitsverträge auf bis zu vier Jahre auszuweiten. Wie wirkt sich das auf eure Mitglieder und die gewerkschaftliche Organisierung aus?

Eine weitere Verlängerung befristeter Beschäftigungsverhältnisse ist aus unserer Sicht ein ernstes Problem. Wenn Beschäftigte ständig mit der Frage leben müssen: „Wird mein Vertrag verlängert?“, verhindert das ein echtes Gefühl von Sicherheit im Arbeitsleben.

Wenn Unsicherheit zunimmt, schadet das nicht nur der wirtschaftlichen Situation der Beschäftigten, sondern auch der gewerkschaftlichen Organisierung. Denn für einen Menschen, der Angst um seinen Arbeitsplatz hat, wird es schwieriger, seine Rechte einzufordern, sich an der Organisierung im Betrieb zu beteiligen oder gegenüber dem Arbeitgeber offen Forderungen zu stellen. Deshalb dürfen wir eine Arbeitswelt, in der Unsicherheit zur Normalität wird, nicht akzeptieren.

Gerade im Bau- und Gebäudesektor, in dem Menschen ohnehin unter schwierigen und riskanten Bedingungen arbeiten, ist es nicht akzeptabel, sie noch stärker in unsichere Beschäftigungsverhältnisse zu drängen.

Unser Ziel muss eine Arbeitswelt sein, in der Beschäftigte nicht nur heute, sondern auch morgen sicher arbeiten können. Sichere und verlässliche Arbeitsverhältnisse sind zugleich eine grundlegende Voraussetzung für gewerkschaftliche Organisierung.

 

Wie wirkt sich der Versuch, die tägliche Arbeitszeit von acht auf bis zu 13 Stunden zu verlängern, auf Beschäftigte im Baugewerbe aus?

Für die Baubranche könnte dies äußerst schwerwiegende Folgen haben. Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter arbeiten körperlich unter anspruchsvollen Bedingungen, die hohe Aufmerksamkeit und Erfahrung erfordern und in vielen Fällen erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich bringen. Eine extreme Verlängerung der Arbeitszeit erhöht die Ermüdung. Müdigkeit wiederum steigert das Risiko von Arbeitsunfällen und bedroht unmittelbar die Gesundheit der Beschäftigten.

Hier geht es nicht nur um die Frage: „Wie viele Stunden werden wir arbeiten?“ Im Kern geht es darum, dass Menschen neben ihrer Arbeit auch ihre Gesundheit, ihre Sicherheit und ihr Leben schützen können müssen. Beschäftigte müssen Zeit für ihre Familien, ihre Kinder, ihr gesellschaftliches Leben und ihre Erholung haben. Der Zweck des Arbeitslebens darf nicht darin bestehen, Menschen aufzureiben. Arbeit muss den Wert der menschlichen Arbeitskraft anerkennen. Deshalb müssen wir gegen Versuche, die Arbeitszeiten auszuweiten, eine starke gewerkschaftliche Haltung entwickeln.

 

Was muss in einer solchen Situation getan werden? Wie kann eine Gegenbewegung der Arbeiterbewegung entstehen?

Zunächst müssen wir die Organisierung stärken, statt Angst und Hoffnungslosigkeit zuzulassen. Die Arbeiterbewegung wird nicht von selbst stärker. Stärke entsteht durch Organisierung in den Betrieben. Wir müssen den Beschäftigten zuhören. Wir müssen ihre Probleme gemeinsam feststellen, ihre Forderungen zusammenführen und unser Programm auf Grundlage ihrer tatsächlichen Bedürfnisse entwickeln.

Eine Gewerkschaft darf keine Organisation sein, die nur während Tarifverhandlungen sichtbar wird. Die Beschäftigten müssen die Gewerkschaft jeden Tag an ihrer Seite spüren. Dafür müssen wir unsere Betriebsvertreterinnen und Betriebsvertreter stärken, aktive Mitglieder unterstützen und mehr Beschäftigte zur Beteiligung an der Gewerkschaftsarbeit gewinnen.

Wenn es notwendig ist, müssen wir in der Lage sein, Massenaktionen, betriebliche Auseinandersetzungen und entschlossene Kampfmaßnahmen in Tarifverhandlungen einzusetzen. Für einen starken Kampf braucht es jedoch zuvor eine starke Organisierung und Vorbereitung.

Mein Verständnis ist ganz klar: Zuerst die Organisierung im Betrieb, dann gemeinsame Forderungen und anschließend ein entschlossener und gemeinsamer Kampf. Wenn Beschäftigte ihre eigene Stärke erkennen, wächst auch die Stärke der Arbeiterbewegung.

 

Bist du die erste Frau mit Migrationsgeschichte, die für den Bundesvorstand kandidiert? Und warum kandidierst du?

Diese Kandidatur hat für mich eine besondere Bedeutung. Denn ich bin davon überzeugt, dass eine Gewerkschaft nur dann größere Teile der Gesellschaft vertreten kann, wenn ihre Entscheidungsstrukturen auch die tatsächliche Vielfalt der Arbeitswelt widerspiegeln.

Frauen, Beschäftigte mit Migrationsgeschichte und verschiedener Generationen spielen in den Betrieben eine wichtige Rolle. Dennoch lässt sich nicht sagen, dass sich diese Vielfalt im gleichen Maße in den Leitungs- und Entscheidungsstrukturen der Gewerkschaft widerspiegelt. Ich möchte dazu beitragen, dass sich das verändert.

Meine Erfahrungen als Gewerkschafterin, meine Erkenntnisse aus den Betrieben und insbesondere meine langjährige Arbeit mit Beschäftigten unterschiedlicher Herkunft möchte ich in den Bundesvorstand einbringen. Im Mittelpunkt meiner Kandidatur steht dieses Verantwortungsgefühl.

Die Zukunft der Gewerkschaft darf nicht allein von ihren Funktionärinnen und Funktionären bestimmt werden. Menschen, die in den Betrieben arbeiten, Frauen, junge Beschäftigte und Menschen mit Migrationsgeschichte müssen ein stärkeres Mitspracherecht bei der Gestaltung dieser Zukunft erhalten.

Ich sehe meine Kandidatur als Chance, eine stärker beteiligungsorientierte, repräsentativere und stärker auf den Betrieben aufbauende Gewerkschaftspolitik voranzubringen. Und selbstverständlich bin ich davon überzeugt, dass Frauen in der Gewerkschaftsbewegung nicht nur als Mitglieder, sondern auch als Entscheidungsträgerinnen und Verantwortliche stärker vertreten sein müssen.

 

Für welche Aufgaben kandidierst du?

Ich kandidiere dafür, im Bundesvorstand der IG BAU aktiv Verantwortung zu übernehmen. Meine Prioritäten sind insbesondere die Stärkung der Organisierung, die Verbesserung der Verbindung zwischen Betrieben und Gewerkschaft, das Stoppen des Mitgliederrückgangs und der Beginn eines neuen Wachstumsprozesses.

Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass Frauen, junge Menschen und Beschäftigte mit Migrationsgeschichte stärker in die gewerkschaftliche Arbeit einbezogen werden müssen. Auch meine Erfahrungen im internationalen gewerkschaftlichen Bereich möchte ich nutzen, um zur Arbeit der IG BAU beizutragen.

Für mich ist jedoch wichtiger als die konkrete Aufgabe, mit welchem Verständnis wir arbeiten. Ich möchte eine IG BAU, die die Beschäftigten in den Mittelpunkt stellt, in den Betrieben stärker wird, ihre Mitglieder in Entscheidungsprozesse einbezieht und ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Kampf ausbaut.

 

Die IG BAU verzeichnet seit einigen Jahren einen erheblichen Mitgliederrückgang. Was sind deiner Meinung nach die Gründe und wie kann die gewerkschaftliche Organisierung gestärkt werden?

Es wäre nicht richtig, den Mitgliederrückgang ausschließlich mit äußeren Umständen zu erklären. Natürlich verändert sich die Arbeitswelt. Leih- und Fremdvergabe, prekäre Beschäftigung, die Zersplitterung der Betriebe, Veränderungen in der Struktur der Branche und die Haltung jüngerer Generationen gegenüber Gewerkschaften sind nur einige der Faktoren. Aber angesichts all dessen müssen auch wir uns selbst hinterfragen und erneuern.

Wenn die Beschäftigten nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen gehen. Wir müssen in den Betrieben sichtbarer werden. Wir müssen den Beschäftigten zuhören. Die Sprache der Gewerkschaft muss verständlicher werden. Wir müssen junge Menschen erreichen. Und wir müssen Beschäftigten mit Migrationsgeschichte den Zugang zur Gewerkschaft erleichtern.

Vor allem dürfen wir unsere Mitglieder nicht lediglich als Menschen betrachten, die Beiträge zahlen. Sie sind die eigentlichen Eigentümer der Gewerkschaft. Wir müssen unsere Mitglieder in Entscheidungsprozesse einbeziehen und dafür sorgen, dass sie sich auf Grundlage ihrer eigenen Probleme und Forderungen organisieren. Dabei geht es für uns nicht nur darum, den Mitgliederrückgang zu stoppen. Wir müssen die Organisierungskraft der Gewerkschaft und die aktive Beteiligung der Mitglieder insgesamt wieder stärken.

Unser Ziel muss eine stärkere, bewusstere und kämpferischere Mitgliedschaft in den Betrieben sein. Ich denke, jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, unser gewerkschaftliches Verständnis zu erneuern und wieder auf Wachstumskurs zu gehen.

 

Wie wird die bevorstehende Tarifrunde in der Gebäudereinigung verlaufen? Hast du eine Prognose?

Die Forderungen unserer Kolleginnen und Kollegen in der Gebäudereinigung sind sehr klar: bessere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Arbeitsplatzsicherheit und Respekt vor ihrer Arbeit. Die grundlegende Voraussetzung für eine starke Tarifrunde ist, wie gut wir in den Betrieben organisiert sind. Je stärker wir am Verhandlungstisch auftreten, desto größer ist auch unsere Fähigkeit, unsere Forderungen durchzusetzen.

Deshalb dürfen wir die Runde nicht nur als Tarifverhandlung betrachten. Wir müssen sie zugleich als einen Prozess verstehen, der die Organisierung in den Betrieben und das gewerkschaftliche Bewusstsein stärkt. Die aktive Beteiligung unserer Mitglieder ist sehr wichtig. Unsere Forderungen müssen nicht nur von der Gewerkschaftsführung, sondern von den Beschäftigten selbst getragen werden.

Das Ergebnis lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit vorhersagen. Aber ich bin überzeugt: Wenn wir uns organisieren, gemeinsam handeln und entschlossen hinter unseren Forderungen stehen, sind unsere Chancen auf ein starkes Ergebnis wesentlich größer.

 

Welche Anträge der Delegierten sind auf dem Gewerkschaftstag besonders wichtig?

Für mich sind vor allem jene Anträge wichtig, die die zukünftige Organisierungskraft der IG BAU stärken. Insbesondere die Stärkung der Organisierung in den Betrieben, das Stoppen des Mitgliederrückgangs und die Rückkehr zu Wachstum, die Gewinnung junger Beschäftigter für die Gewerkschaft, eine stärkere Beteiligung von Frauen am gewerkschaftlichen Leben sowie die stärkere Organisierung von Beschäftigten mit Migrationsgeschichte sind von großer Bedeutung.

Darüber hinaus müssen sichere Arbeitsverhältnisse, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, menschenwürdige Löhne, eine Arbeitszeitgestaltung, die die Gesundheit der Beschäftigten schützt, und die Stärkung unserer Tarifmacht zu den Prioritäten gehören. Ich möchte nicht, dass der Gewerkschaftstag nur ein Kongress wird, auf dem die Vergangenheit bewertet wird. Der Gewerkschaftstag muss der Ausgangspunkt dafür sein, wie wir die IG BAU der Zukunft aufbauen.

 

Du bist seit langer Zeit auch im internationalen gewerkschaftlichen Bereich aktiv. Was denkst du über die Solidarität mit den Gewerkschaften in der Türkei?

Gewerkschaftliche Solidarität kennt keine Grenzen. Unabhängig davon, in welchem Land Beschäftigte arbeiten, ähneln sich viele der Probleme, mit denen sie konfrontiert sind: Unsicherheit, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, Fremdvergabe, Probleme bei der Arbeitssicherheit und Hindernisse bei der gewerkschaftlichen Organisierung. Deshalb halte ich die Solidarität mit den Gewerkschaften in der Türkei für sehr wichtig.

Zwischen Deutschland und der Türkei bestehen enge gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen. Gerade angesichts der Geschichte der türkeistämmigen Menschen, die in Deutschland arbeiten, gibt es auch zwischen den Arbeiterbewegungen beider Länder eine wichtige Grundlage für Solidarität. Gewerkschaften sollten voneinander lernen, bei gemeinsamen Problemen zusammenarbeiten und sich gegebenenfalls gegenseitig in ihren Kämpfen unterstützen. Insbesondere in Branchen, in denen internationale Unternehmen tätig sind, wird internationale gewerkschaftliche Zusammenarbeit immer wichtiger. Wenn das Kapital Grenzen überschreiten kann, muss auch die Solidarität der Beschäftigten Grenzen überschreiten können.

 

Möchtest du unseren Leserinnen und Lesern noch etwas mitgeben?

Allen Kolleginnen und Kollegen möchte ich sagen: Wir sind angesichts der heutigen Herausforderungen nicht allein. Dass Beschäftigte sich um ihre eigenen Probleme und gemeinsamen Forderungen zusammenschließen, ist ihre größte Stärke. Denn das grundlegende Ziel derjenigen, die uns spalten, gegeneinander aufbringen und unsere Organisierung schwächen wollen, besteht darin, das System der Ausbeutung unserer Arbeit aufrechtzuerhalten.

Deshalb müssen wir gemeinsam gegen Diskriminierung, Ungleichheit, Spaltung, Rassismus und Sexismus stehen. Als Beschäftigte unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen und unterschiedlichen Lebenserfahrungen müssen wir erkennen, dass unsere gemeinsamen Probleme viel stärker sind als die Unterschiede, die uns voneinander trennen.

Wenn Beschäftigte sich um ihre gemeinsamen Probleme zusammenschließen, können sie eine starke Solidarität entwickeln und die ihnen in den Weg gelegten Hindernisse überwinden. Dieses Bewusstsein müssen wir in den Betrieben stärken, füreinander einstehen und dafür sorgen, dass kein Beschäftigter und keine Beschäftigte allein gelassen wird.

Die Stärke einer Gewerkschaft kommt nicht nur aus ihrem Bundesvorstand oder einigen wenigen Funktionärinnen und Funktionären. Die wirkliche Stärke der Gewerkschaft kommt von ihren Mitgliedern in den Betrieben, von ihrer Solidarität und ihrem gemeinsamen Willen zum Kampf. Wenn die Beschäftigten für ihre Gewerkschaft einstehen, kann auch die Gewerkschaft stärker für die Beschäftigten einstehen.

Vor uns liegen wichtige Aufgaben: den Mitgliederrückgang stoppen, wieder wachsen, die Organisierung in den Betrieben stärken, junge Generationen für diesen Kampf gewinnen und alle Beschäftigten um gemeinsame Forderungen versammeln. Die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter haben vor etwa 150 Jahren unter großen Opfern ein Erbe der Arbeiterorganisierung geschaffen.

Heute liegt dieses Erbe in unseren Händen. Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Erbe nicht nur zu bewahren, sondern es zu stärken und an die kommenden Generationen weiterzugeben. Eine gute Zukunft und eine bessere Welt sind auf Grundlage von Frieden, Brüderlichkeit, Gleichheit und Solidarität möglich. Eine Welt ohne Ausbeutung, Diskriminierung und Ungleichheit kann nur entstehen, wenn wir uns gemeinsam organisieren und stärker werden.

Ich bin davon überzeugt, dass Veränderungen nicht länger aufgeschoben werden dürfen. Es ist höchste Zeit, unseren Blick wieder auf die Beschäftigten zu richten, die Organisierung in den Betrieben zu stärken und unsere Mitglieder zu aktiven Trägern ihrer Gewerkschaft zu machen. Denn eine Gewerkschaft ist nur dann erfolgreich, wenn sie gemeinsam gewinnt.

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