Am 18. August rückte die Feuerwehr mit der Drehleiter an die Frankfurter Konstablerwache aus. Eine Rabenkrähe hatte sich in „A Sky Full of Hope“ verfangen, jener Netzskulptur der US-Künstlerin Janet Echelman, die tags zuvor noch versichert hatte, in ihren Netzen komme nie ein Vogel zu Schaden. Dringender ist jedoch die Frage, warum die Stadt Frankfurt in einer Zeit von Sozialabbau 2,3 Millionen Euro Steuergelder für dieses „Kunstwerk“ ausgibt, wenn doch überall das Geld fehlt.
Yekta Doğan
Geld, das „übrig“ war
Keine Ausschreibung, kein Parlamentsbeschluss, kein Einblick in die Verträge. Geschäftsgeheimnis, obwohl es sich um Steuergelder handelt. Bekannt ist nur: Das Netz ist gemietet, drei Jahre lang, bezahlt aus den Resten eines 30-Millionen-Programms, mit dem die Innenstadt nach Corona wieder in Schwung gebracht werden sollte. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) nennt es Geld, „das im Stadtmarketing gewissermaßen übrig war“, und legt nach, es wäre sonst verfallen, obwohl das Finanzdezernat kurz zuvor erklärt hatte, nicht verbrauchte Mittel verfielen eben nicht, sondern würden neu verplant. Eine der beiden Auskünfte ist falsch, und man darf raten, welche. Für Sozialarbeit, mehr Kitaplätze oder bezahlbare Wohnungen ist nie „etwas übrig“. Für „Illumination“ wohl schon.
Wessen Hoffnung?
Im Untertitel heißt das Ding „Earthtime 1.78“. 178 Nationen leben in Frankfurt, dafür stehe das Netz, für „Offenheit, Vielfalt und internationale Verbundenheit“. Darunter: Wochenmarkt und Drogenumschlagplatz. Und die Menschen aus 178 Nationen, für die das Netz stehen soll, stehen auf diesem Platz hinter dem Marktstand, auf dem Lieferrad, mit dem Besen. Ihnen soll die Hoffnung übergehängt werden. Aber keine echte Hoffnung durch echte Veränderung ihrer Situation, sondern ein Netz, das Offenheit und Verbundenheit bedeuten soll, aber am Ende gar nichts bedeutet. Genau deshalb ist es überall aufhängbar. Vergleichbare Netze der Künstlerin hingen schon in Madrid, Wien und Dubai. „Weltoffenheit“ also auch über einer Stadt, die auf dem Kafala-System gebaut ist und Arbeiter wie Sklaven ausbeutet. Die Abstraktion ist hier keine besonders kreative Form, sondern die Bedingung des Auftrags, denn sie behauptet nichts und beschuldigt niemanden.
Man stelle sich das Gegenteil vor: eine Fotomontage mit Marktständen, Crackpfeifen, Lieferfahrer, daneben die Quartalszahlen einer Bank aus der Skyline. Dafür wäre nie Geld geflossen. Nicht der Preis wäre das Problem gewesen, sondern das Motiv. Solche Bilder sind auch nie im Auftrag einer Stadt entstanden, sondern dort, wo Arbeiter sich ihre eigenen Zeitungen und Fotogruppen organisiert haben.
Es geht hier nicht um abstrakt gegen gegenständlich, sondern um den Standpunkt, den ein Werk einnimmt. Das Netz zeigt den Platz und all die sozialen Verhältnisse, die ihn prägen, nicht. Es legt sich über ihn und versucht ihn zu verschleiern. Genau dafür dient Kunst im Kapitalismus: nicht zu zeigen, was ist, sondern schöner zu machen, was nicht verändert werden kann. Das „Kunstwerk“ ist außerdem auch ein Beweis: Es fehlt kein Geld für Kultur. Es fehlt für die Kultur, die etwas behauptet.
Was helfen würde
195 Schwerstabhängige zählten Polizei und Sozialarbeit im Februar 2025 im Bahnhofsviertel, ein Jahr später waren es 311. Dabei weiß jeder, was zu tun wäre: das seit Jahren angekündigte Suchthilfezentrum in der Niddastraße, Therapieplätze, Wohnungen statt Straße, dazu eine Prävention, die den Namen verdient, also offene Jugendhäuser mit festen Stellen statt Projektanträgen, Schulsozialarbeit und Mieten, die eine Familie zahlen kann, kostenlose Hilfe für Menschen in Notlagen.
Warum kommt das nicht? Nicht aus Unwissenheit, sondern weil es sich nicht rechnet. Wer auf der Konstablerwache mit der Crackpfeife sitzt, ist für das Kapital keine verwertbare Arbeitskraft mehr, sondern ein Kostenposten. Hilfe kostet dauerhaft, braucht Personal und bringt keine Rendite. Ein beleuchtetes Netz kostet einmal und bringt Frequenz. Die Konstablerwache ist das östliche Ende der Zeil, einer der frequenzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands; was hier zählt, sind Passantenzahlen, Ladenmieten, Immobilienwerte. Deshalb lautet die Aufgabe nie, das selbstgeschaffene Elend abzuschaffen, sondern es aus der verwertbaren Fläche zu entfernen. Verdrängung ist billiger als Hilfe, und sie liefert schnellere Bilder.
Dazu kommt der Zeithorizont. Prävention wirkt in zehn oder fünfzehn Jahren, in einem anderen Haushalt, unter einem anderen Dezernat. Standortpolitik rechnet in Wahlperioden und Eventjahren – 2026 ist Frankfurt „World Design Capital“, das Netz hängt pünktlich, die Fotos sind gemacht.
Bänke, Bäume, Hilfsangebote und feste Stellen in der Sozialarbeit wären für einen Bruchteil zu haben gewesen. Aber die Ursachen anzugreifen hieße, nicht im Interesse derer zu handeln, für die hier aufgewertet wird.
Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass man sie über einen Platz spannt und abends anstrahlt, sondern dadurch, dass die, die auf ihm arbeiten und leben, anfangen, an ihrer Lage etwas zu ändern. Das ist der Unterschied zwischen einer Hoffnung, die man für drei Jahre mieten kann, und einer, die man sich nimmt.
Die Krähe hat als Erste gemerkt, dass man sich in diesem Himmel der kapitalistischen Hoffnung nur verfangen kann.
