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Ein Jahr nach Nepals Gen-Z-Aufstand: „Die Bewegung wurde gekapert“

Im vergangenen Jahr stürzten die „Gen-Z-Proteste“ die alte Regierung in Nepal. Angesichts des Chaos im ganzen Land mussten führende Staatsoberhäupter mit Armeehubschraubern evakuiert werden. Nun führt die Regierung des 36-jährigen Premiers Balendra Shah das Land. Neues Leben sprach mit Bijay*, einem Gewerkschafter aus Nepal, über die Hintergründe der Proteste und deren Folgen.

Warum brachen diese Proteste aus und was waren die Forderungen?

Jahrelang konnte die vorherige Regierung ihre Wahlversprechen nicht halten. Es gab weitverbreitete Korruption, Vetternwirtschaft und einen Mangel an Rechtsstaatlichkeit sowie an Arbeitsplätzen. Die Bevölkerung ließ ihren Frust in den sozialen Medien aus – deren Verbot steigerte die Wut der Jugend zusätzlich.

Am 8. September 2025 gingen zunächst 10.000 bis 12.000 Gen-Z-Aktivisten und ihre Anhänger friedlich auf die Straße. Sie trafen jedoch auf gewaltsame staatliche Repressionen, bei denen 76 sehr junge Protestierende getötet wurden, was landesweit eine massive Welle der Wut auslöste. Nicht nur die Eltern, sondern so gut wie die gesamte Nation war auf der Straße.

Die Menschen lieferten sich Kämpfe mit der Polizei, beschädigten öffentliches Eigentum und setzten Gebäude von Regierung und einiger Investoren sowie die Häuser einiger korrupter Politiker in Brand. In dieser Notlage musste die Regierung schließlich zurücktreten.

Die Demonstrierenden forderten Rechtsstaatlichkeit und ein Ende von Korruption und Vetternwirtschaft, effektive öffentliche Dienstleistungen, die Förderung einer inklusiven Demokratie und sozialer Gerechtigkeit sowie Wirtschaftsentwicklung durch die Schaffung von Arbeitsplätzen für junge Menschen.

Wer waren die Kräfte hinter den Protesten?

Die Gen-Z-Bewegung wurde sowohl von wohlhabenden als auch von armen Studierenden initiiert, was auch bedeutete, dass es innerhalb der Gen-Z unterschiedliche Strömungen gab – die Situation war keineswegs harmonisch. Zudem sagen einige, die Bewegung sei durch bewegungsfremde Akteure, die die Gunst der Stunde nutzten, unterwandert worden. Denn obwohl die Gen-Z-Anführer zum Abbruch der Aktionen aufgerufen, als die Proteste außer Kontrolle gerieten, wurde die Gewalt weitergeführt.

Die Armee intervenierte, stellte die Ordnung wieder her und forderte die Gen-Z auf, Vertreter für eine Übergangsregierung zu benennen. Tatsächlich wurden jedoch nur dem Militär oder dem derzeitigen Premierminister nahestehende Personen in die Beratungen einbezogen. Sie nominierten die ehemalige oberste Richterin, um die Staatsgeschäfte bis zur Abhaltung einer Wahl zu führen.

Wie ist die Wahl ausgegangen?

Die Wahl fand am 5. März 2026 statt. Unter den Massen herrschte große Begeisterung. Leider war die Wahlentscheidung größtenteils nicht sehr fundiert. Viele Wähler folgten schlicht Balendra Shah. Es heißt, die Menschen hätten abgestimmt, ohne die Kandidaten in ihren eigenen Wahlkreisen überhaupt zu kennen. Mit einer populistischen Parole und riesigen Kampagnen in den sozialen Medien errang die Gen-Z-Regierung fast eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Das war ein schwerer Schlag für die alten politischen Parteien.

Was meinen Sie mit Gen-Z-Regierung?

Während die Proteste von einer inklusiven Masse angeführt wurden, gilt dies für das Kabinett und die Abgeordneten nicht. Die Minister – fast alle unter 40 Jahre – stammen zumeist aus reichen Familien. Es sind nicht die Kinder der Altparteien, sondern die bürokratischer Eliten sowie einige Prominente. Mangels politischem Hintergrund fehlt den meisten Abgeordneten das nötige Fachwissen.

Die Gen-Z-Regierung ist derzeit nicht reif genug, um das Erbe der bisherigen Politik sowie die staatlichen Beziehungen zu anderen internationalen Partnern zu verstehen. Anstatt sich mit verschiedenen politischen Parteien und anderen nichtstaatlichen Akteuren zu beraten, um diese Lücke zu schließen, sind sie siegestrunken und treffen unausgereifte Entscheidungen.

Könnten Sie die Maßnahmen der Regierung näher erläutern?

Nehmen wir zum Beispiel die soziale Gerechtigkeit. Die Regierung schuf sofort ein investitionsfreundliches Klima. Sie verfolgt einen liberalen Ansatz, fördert Investoren sowie Sparmaßnahmen und treibt Privatisierungen sowie Outsourcing voran. Zudem beschneidet sie Arbeitsrechte im öffentlichen Dienst, verbot dort 12 Gewerkschaften und versetzte deren Anführer in entlegene Regionen, da Staatsbedienstete kaum kündbar sind. Unter den Beschäftigten herrscht nun Angst vor gewerkschaftlichem Engagement – eine ernste Bedrohung für Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

Was die Leistungsgerechtigkeit betrifft, bringt die Regierung ihre Gefolgsleute in Institutionen, die eigentlich unabhängig sein sollten. Dies wird die unparteiische Erbringung staatlicher Dienstleistungen beeinträchtigen. Das gilt auch für das Versprechen der Inklusion, da das Kabinett ausschließlich aus Personen aus Elitefamilien und einer ganz bestimmten Kaste besteht – derselben Kaste, die bereits in der vorherigen Regierung dominant war.

Sicherlich konnte die Regierung einige Bereiche wie die Digitalisierung verbessern, und bis zu einem gewissen Grad ist die Leistungserbringung effektiver geworden. Doch was die Schaffung von Arbeitsplätzen anbelangt, hat sie weitgehend versagt, da es keinen Mechanismus und keinen Plan gibt, der dies erreichen könnte.

Wie reagieren die Menschen auf diese Situation?

Anfangs gab es nicht viel Kritik. Die Menschen wollten eine Veränderung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, sie wollten Rechtsstaatlichkeit, eine inklusive Regierung und Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie hofften, eine Regierung aus jungen Leuten würde Veränderungen schaffen. Doch statt eines Plans zur Bewältigung dieser Probleme wird uns alter Wein in neuen Schläuchen serviert.

Die Regierung behauptet, 87 Prozent ihrer Versprechen eingelöst zu haben, aber die Massen glauben ihr das nicht. Die Regierung stützt sich auf Populismus, was auf lange Sicht nicht erfolgreich sein wird. Wenn eine Regierung derart exklusiv agiert und Demokratie, Koalitionsfreiheit oder die demokratischen Rechte der Arbeiter und der Öffentlichkeit missachtet, wird sie ihre Versprechen nicht halten können.

Daher sagen die Menschen heute, die Gen-Z-Bewegung sei von einigen Eliten und Personen aus wohlhabenden Kreisen gekapert worden. Sie spiegelt nicht die Stimmung in der Bevölkerung wider.

Was lässt sich aus der Kaperung der Gen-Z-Bewegung lernen?

Wir müssen erkennen, dass die Ursache für unsere Probleme nicht das Alter der Politiker ist. Unser Premierminister ist derzeit der weltweit jüngste amtierende Staatschef. Dennoch betreibt auch diese Regierung Vetternwirtschaft und greift unsere Rechte an. Denn die Angelegenheit ist eine Klassenfrage, keine Frage des Alters.

Einerseits haben die Ereignisse gezeigt: Wenn die Arbeiter und Bauern vereint sind, kann sich ihnen keine Regierung und keine Macht in den Weg stellen. Das muss man sich merken. Doch erst wenn Arbeiter und Bauern ihre eigenen schlagkräftigen Organisationen aufbauen, können sie nicht nur die Regierung stürzen, sondern ihre eigene Herrschaft errichten. Deshalb greift die neue Regierung unsere Gewerkschaften an; sie spürt die Bedrohung. Unzufriedene Gruppen der Gen-Z sind wieder auf den Straßen. Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.

 

*Geänderter Name

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