Am Tag vor den Wahlen in Berlin, am 19. September, fand in der Gropiusstadt in Neukölln ein gemeinsames Kiezfest der Neuköllner Stadtteilgruppe der DIDF Berlin, der DIDF Jugend Berlin, des Internationalen Jugendverbands (IJV) Neukölln und des Migrantinnenvereins Berlin e. V. statt. Das Fest war eine Fortsetzung der zu Beginn des Jahres gestarteten Stadtteilarbeit und sollte Menschen aus dem Kiez zusammenbringen, Raum für Austausch schaffen und gleichzeitig auf die sozialen und politischen Probleme im Stadtteil aufmerksam machen.
Eren Gültekin
Ein Fest mitten im Kiez, von der Hüpfburg bis zum Grill
Von Jung bis Alt war an diesem Tag für alle etwas dabei. Für die Kinder gab es eine Hüpfburg, eine Bastelecke, eine Kinderolympiade und Popcorn. Dazu kamen Grill und Gözleme sowie verschiedene Infostände, an denen sich die Besucherinnen und Besucher über die Arbeit der beteiligten Organisationen informieren konnten.
Der Veranstaltungsort am Lipschitzplatz erwies sich dafür als besonders geeignet. Der von Hochhäusern umgebene Steinpflasterplatz direkt an der U Bahn Lipschitzallee, in unmittelbarer Nähe von Cafés, Dönerläden und dem Gemeinschaftshaus Gropiusstadt, war kaum zu übersehen. Das Bild der Hochhäuser entspricht dabei durchaus dem, was häufig mit einem sogenannten „sozialen Brennpunkt“ verbunden wird. Gleichzeitig zeigte sich an diesem Tag eine andere Seite des Stadtteils: Bereits kurz nach Beginn um 12 Uhr füllte sich insbesondere der Bereich rund um die Hüpfburg mit Familien und Kindern. Als gegen 15 Uhr das Bühnenprogramm begann, waren auch die Bänke bis auf den letzten Platz besetzt.

Bis in die späten Abendstunden wurde ein vielfältiges Programm geboten. Neben Redebeiträgen der veranstaltenden Organisationen, kamen auch die jüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die DIDF Jugend Sterne, zu Wort. Dabei wurden die Sorgen und Forderungen verschiedener Generationen sichtbar. Die Jugendlichen thematisierten unter anderem die zunehmende Militarisierung und die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht sowie die fehlenden finanziellen Mittel für Bildung und soziale Angebote. Auch die Kinder brachten ihre Sorgen über Krieg zum Ausdruck und formulierten ihren Wunsch nach Frieden und Solidarität.
Soziale Probleme in Neukölln und die Bedeutung von Stadtteilarbeit
Der Redebeitrag der DIDF richtete den Blick noch einmal ausdrücklich auf die Situation im Stadtteil. Die Lebensbedingungen für die werktätigen Menschen seien in Berlin insgesamt schwierig, in Neukölln zeigten sich soziale Probleme jedoch noch einmal besonders deutlicher. Genannt wurden unter anderem Armut und Bildungsungleichheit. Auch die Kürzungen im sozialen Bereich wurden thematisiert. Mit einem Defizit von 20 Millionen Euro seien soziale Einrichtungen, Jugendhäuser und Angebote für Frauen mit erheblichen Problemen konfrontiert. Auf längere Sicht bestehe die Gefahr, dass wichtige Einrichtungen ihre Arbeit nicht fortsetzen könnten, gerade in einem Stadtteil wie Neukölln, in dem diese Angebote eine große Bedeutung haben.
Auch auf einem Podium unter dem Motto „Gemeinsam gegen Wohnungsnot, Sozialabbau und Krieg! Welche Bedeutung haben die Wahlen für uns?“ wurde über die Situation im Kiez und die Arbeit der verschiedenen Organisationen diskutiert. Vertreten waren unter anderem der Migrantinnenverein Berlin, DIDF Berlin und Deutsche Wohnen & Co. Enteignen (DWE). Neben den konkreten Problemen in Neukölln ging es vor allem um die Bedeutung einer Verankerung im Stadtteil. Der Vertreter der DIDF betonte, wie wichtig es sei, direkt in den Kiezen präsent zu sein und die arbeitenden Menschen vor Ort zu unterstützen. Als Beispiel wurde die Unterstützung rund um den Streik der Beschäftigten des Vivantes Krankenhauses in Neukölln genannt. Es brauche gegenseitige Unterstützung innerhalb des Stadtteils, um gemeinsame Kämpfe zu stärken und den Druck für Verbesserungen zu erhöhen.

Auch die Wahlen am folgenden Tag waren Thema der Diskussion. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich darin einig, dass das eigene Wahlrecht wahrgenommen werden sollte, Wahlen allein jedoch die bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen nicht verändern würden. Historisch seien Verbesserungen für arbeitende Menschen nicht allein durch Wahlen erreicht worden, sondern vor allem durch den Druck gesellschaftlicher Bewegungen. Mit Blick auf die Reformen der CDU wurde deshalb davor gewarnt, sich zurückzulehnen und darauf zu hoffen, dass sich die Situation von selbst zum Guten wenden werde. Gleichzeitig wurde auf kommende Termine hingewiesen, darunter der Schulstreik gegen die Wehrpflicht, die Sozialproteste des DGB am 26. September, die Friedenskonferenz am 27. September sowie die Friedensdemonstration am 3. Oktober.
Musik, Begegnung und gemeinsames Feiern
Neben den politischen Beiträgen kam auch die Kultur nicht zu kurz. Für musikalische Unterhaltung sorgten DJ Butterflies, Suli Puschban, die vor allem für ihre Kinderlieder bekannt ist, sowie Caglasu Aslan & Friends. Die Gruppe präsentierte ein vielfältiges musikalisches Programm mit Stücken aus dem Balkan, Anatolien, Armenien und Mesopotamien.
Gegen Ende des Abends stand Cengiz Yazgi mit seiner Gitarre auf der Bühne und brachte die Bewohnerinnen und Bewohner der Gropiusstadt noch einmal zum gemeinsamen Tanzen. Erst gegen 21 Uhr, als es bereits dämmerte, ging das Fest zu Ende.
Damit wurde das Kiezfest auch zu einer Begegnung von Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft, die sich im Alltag möglicherweise kaum treffen würden. Auf dem Lipschitzplatz kamen sie miteinander ins Gespräch, hörten gemeinsam Musik, diskutierten über ihre Lebensbedingungen und tanzten zusammen.

Gerade in einer Zeit, in der Kultur und Freizeitangebote, insbesondere in Neukölln, aufgrund fehlender finanzieller Mittel immer stärker unter Druck geraten oder gar nicht erst stattfinden können, haben solche Veranstaltungen eine besondere Bedeutung. Werden Angebote von kommerziellen Unternehmen organisiert, sind sie für viele Menschen im Stadtteil aufgrund der finanziellen Situation häufig ebenfalls nicht zugänglich. Ein kostenloses Kiezfest kann deshalb einen Raum schaffen, in dem Menschen unabhängig von ihrem Einkommen zusammenkommen, Kultur erleben und sich über ihre gemeinsamen Interessen austauschen.
Zwischen Enttäuschung und der Suche nach einer Perspektive
Besonders deutlich wurde dabei auch die politische Situation im Stadtteil. Trotz des hohen Anteils von Menschen mit Migrationsgeschichte ist die Gropiusstadt kein typischer Wahlbezirk der Linken; gleichzeitig erzielte die AfD hier regelmäßig einen hohen Stimmenanteil. Dies verweist auf eine Entwicklung, die nicht allein über die Herkunft der Wählerinnen und Wähler erklärt werden kann. Menschen mit Migrationsgeschichte sind ebenso wie andere Teile der Bevölkerung von den etablierten Parteien nicht erreicht worden und suchen deshalb nach anderen politischen Antworten.
Die Folge dessen ist dann eben, bei der Wahlurne die Stimme der AfD zu geben, da es für die Wählerinnen und Wähler keine Alternative gibt, die wirklich ihre Interessen nach einer lebenswerteren Zukunft vertritt, auch wenn die AfD diese natürlich ebenfalls nicht bieten wird.
Gerade deshalb bleibt die Arbeit im Stadtteil wichtig: nicht nur kurz vor Wahlen, sondern dauerhaft und direkt vor Ort. Das Kiezfest am Lipschitzplatz war dabei mehr als nur eine Veranstaltung mit Musik, Essen und einem Bühnenprogramm. Es war ein Versuch, Menschen im Kiez miteinander ins Gespräch zu bringen und gleichzeitig einen gemeinsamen Raum für Kultur, Austausch und Solidarität zu schaffen.

