Macklemore kündigt im MetLife Stadium in New Jersey als Vorband auf Ed Sheerans Loop Tour seinen Protestsong „Hind’s Hall” an, ruft „Free Palestine” und sagt an die jüdischen Zuschauer gerichtet, Kritik an Israel und am Völkermord sei keine Kritik an ihnen. Eine Woche später streicht ihn Ed Sheeran von der Tour.
Yekta Doğan
Was dazwischen passierte, hat Macklemore auf Instagram aufgeschrieben. Robert Kraft, Milliardär und Eigentümer der New England Patriots samt Gillette Stadium, habe Sheeran angerufen: Macklemore werde in seinem Stadion nicht auftreten. Kraft habe weitere Stadionbesitzer zusammengetrommelt und gemeinsam hätten sie ein Ultimatum gestellt – bleibt Macklemore auf der Tour, spielt ihr nicht in unseren Hallen. Kraft hat den Ausschluss später selbst bestätigt und mit einer angeblichen Geschichte antisemitischer Rhetorik begründet. Der Veranstalter verwies auf die Venues, Sheeran einen Tag später auf den Veranstalter: es sei nicht seine Entscheidung.
Eine Fahne durfte schon mal auf die Bühne
Sheeran begründet seine Zurückhaltung seit Jahren damit, seine Fans kämen nicht wegen Politik zu ihm. Prüfen wir das.
29. März 2022, Birmingham: Sheeran ist Headliner beim Benefizkonzert „Concert for Ukraine“ und erklärt auf Instagram, er stehe an der Seite der Ukraine. Im Mai erscheint ein Remix seines Hits „2step“ mit der ukrainischen Band Antytila. Und im August stehen Antytila mit Sheeran in Warschau vor 80.000 Leuten auf der Bühne, mit, ihren eigenen Worten nach, „unserer ukrainischen Fahne“.
Ein Mann, der im Fall der Ukraine kein Problem hatte, eine Fahne und Frontsoldaten auf seine Bühne zu holen, erklärt vier Jahre später, seine Fans kämen nicht wegen Politik. Macklemore zufolge sagte Sheeran ihm, die Worte „Free Palestine“ und das Bild der palästinensischen Fahne seien für viele, mit denen er gesprochen habe, verletzend.
Das ist nicht einfach bloße Heuchelei, sondern eine Rechnung mit Kalkül: 2022 deckte sich die Parteinahme für die Ukraine mit der Linie der britischen Regierung, jeder Redaktion und jedes Hallenbesitzers, sie kostete nichts; 2026 stößt die Parteinahme für Palästina mit den Interessen derer zusammen, denen die Stadien und Medien gehören. Das Problem hierbei ist nicht, ob ukrainische Musiker Recht auf Solidarität haben oder nicht. Die Frage ist, wer sie unter welchen Umständen bekommen darf. Nicht das Leid entscheidet also, welche Fahne auf die Bühne darf, sondern die Übereinstimmung mit dem politischen Interesse der Herrschenden. „Neutralität” ist dabei der scheinheilige Schutzschild und ein Schalter, den man dort umlegt, wo eine Haltung einzunehmen tatsächlich etwas kosten würde. Bei der Ukraine war es umsonst – bei Gaza kostet es viel.
„Es war der Promoter“
Die Auskunft, andere hätten entschieden, ist die übliche Verschiebung der Verantwortung. Das Kräfteverhältnis ist zudem nicht so eindeutig, wie Sheeran es darstellt: Nicht nur er braucht Kraft, sondern Kraft braucht auch den, der ihm das Stadion füllt. Sheeran hatte diese Macht in der Hand und hat sie nicht benutzt.
Auch der gern genutzte Antisemitismusvorwurf, mit dem Kraft den Ausschluss begründet, ist schnell entkräftet: Das Eintreten für Palästinenser dürfe nicht auf Kosten der jüdischen Gemeinschaft gehen. Genau diese Trennung hatte Macklemore auf der Bühne selbst gezogen, in dem Satz, der ihn die Tour gekostet hat. Die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus ist eine klassische Methode der Delegitimierung von Solidarität mit dem palästinensischen Volk.
Vier haben anders entschieden
Stunden nach Sheerans Erklärung stand die Tour ohne Vorprogramm da. Der irische Songwriter Aaron Rowe, die irische Folkband Beoga, die Dänen von Lukas Graham und Finneas gingen von Bord, alle vier. Rowe nennt Sheeran einen Freund, der sein Leben verändert habe, und schreibt, als Iren wüssten sie zu gut, was Völkermord, erzwungene Hungersnot und Besatzung bedeuten. Lukas Graham: Geld gebe niemandem das Recht, das Gespräch zu besitzen.
Damit ist die Sache eigentlich entschieden. Diese vier befanden sich in genau derselben Lage wie Sheeran: dieselbe Tour, derselbe Milliardär, dieselbe Crew, dieselben Fans mit gekauften Tickets. Sie hatten mehr zu verlieren als er, der mit seinem Vermögen schon an der halben Milliarde kratzt – nämlich einen der größten Vorband-Slots der Welt – und haben es trotzdem getan.
Sie beriefen sich nicht auf eine scheinbar „unpolitische Mitte”, während Sheeran versuchte, die alte Illusion, dass man den Verhältnissen gegenüber irgendwo draußen stehen könne, aufrechtzuerhalten. Aber man kann nicht neutral sein in einem fahrenden Zug. Die Welt bewegt sich längst in eine Richtung – wer sich für neutral erklärt, entscheidet sich nicht gegen eine Seite, sondern für die, in die der Zug ohnehin schon fährt.
Wir erinnern uns an den Song „Hind’s Hall“ von Macklemore, der in diesem Konflikt nochmal an Bedeutung gewinnt. Benannt nach dem Gebäude, das Studierende in Columbia besetzten und nach Hind Rajab umbenannten, einem sechsjährigen Mädchen, das in Gaza-Stadt zusammen mit seinen Angehörigen und den Rettungskräften erschossen wurde. Im Song nennt Macklemore die Besatzung Apartheid, greift den Präsidenten an, die Polizei und die Lobbyverbände, und er stellt eine Frage an die eigene Branche: Was ist eigentlich aus den Künstlern geworden? Zwei Jahre später gibt es darauf zwei Antworten. Eine von Ed Sheeran und eine von den vier Künstlern, die abgesagt haben.
Der organisierte Künstler
Aber Macklemore war nicht immer der, der er heute ist. Man habe ihm geraten zu schweigen, erst zu recherchieren, die Sache sei zu komplex. Er habe recherchiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass es ein Völkermord ist. Danach kamen die Kundgebung in Washington, „Hind’s Hall“, verlorene Werbedeals und gestrichene Auftritte. Nicht der fertige politische Künstler also, sondern einer, den die Umstände und eine Bewegung politisiert haben. Was er seit dem Genozid geleistet hat, ist nicht kleinzureden.
Auch Beoga sind Gründungsmitglieder von „Irish Artists for Palestine“. Ihre Absage war auch keine einsame Gewissensentscheidung, sondern die Entscheidung von Leuten, die längst auf irgendeine Weise organisiert waren und wissen, dass sie aktiv Stellung beziehen müssen. Aber warum gibt es so wenige einzelne Beispiele von politisierten und organisierten Künstlern? Die Debatte frisst sich an einem falschen Gegensatz fest. Es darf auf diese einzelnen Beispiele gar nicht ankommen. Eigene Medien, Zeitungen, Kollektive und Räume sind nicht die Alternative zum Mut Einzelner, sondern die Bedingung dafür, dass Mut nicht einzeln aufgebracht werden muss. Wer also will, dass Künstler, die Opfer bringen und Stellung beziehen, standhalten, muss ihnen etwas zum Anlehnen bauen und nicht erst hinterher applaudieren. Oder schlimmer noch: sie fallen lassen und sich entsolidarisieren, so wie Teile der Linkspartei und Elif Eralp mit dem Künstler Dahabflex. Wenn wir wollen, dass sich die Beispiele häufen, müssen diese auch fördern und beschützen.
Denn auch wenn in Deutschland der Wind erst sehr langsam in die andere Richtung weht, sieht das Bild international schon deutlich anders aus. Wenn dem preisgekrönten und Regierungskritischem israelischen Dokumentarfilmer Yuval Abraham und seiner Co-Regisseurin Rachel Szor mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft gedroht wird, geht das nicht ohne Kritik vorbei. Wenn auf der Berlinale Filmschaffende und die Festivalleitung diffamiert oder abgesetzt werden sollen, geht das nicht ohne Kritik vorbei. Künstler, wie Ed Sheeran oder Pink, die einen Genozid-leugnenden Post geteilt hatte, in dem sie Macklemore Antisemitismus vorwarf, erleben gerade starke Kritik für ihre Positionierung. Die Zeiten sind vorbei, in denen das gängige Narrativ vom „zur Selbstverteidigung gezwungenen Israel“ unwidersprochen geteilt wurde. Und das hat drei Jahre und tausende tote Palästinenser gedauert.
Macklemore hatte selbst erklärt, dass ihm die Teilnahme an der Tour so wichtig sei, weil er in großen Hallen „Free Palestine“ sagen konnte. Schließlich beendet Macklemore sein Statement mit Worten, die Mut machen und eine Größe beweisen, die Ed Sheeran vergeblich suchen kann: „Wenn diese Worte mich die Bühne kosten, sie aber gleichzeitig das Gespräch wieder auf Palästina lenken, dann war es die erfolgreichste Tour, die ich je hatte“.

