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Wen schützt die Bundeswehr?

Anfang Oktober wurde ein Fall von massiver sexualisierter Gewalt in der Bundeswehr publik. Eine der betroffenen Frauen war sogar minderjährig. Die jüngst aufgedeckten Übergriffe sind keinesfalls die ersten, die in der Bundeswehr bekannt wurden und sie werden auch nicht die letzten sein. Im Zusammenhang mit der steigenden Militarisierung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht stellt sich allerdings die Frage: Was passiert mit (jungen) Frauen in der Armee und wer schützt eigentlich wen?

Alev Bahadır

Im Zentrum des Falls von Oktober steht ein Regiment in Weißenfels, Sachsen-Anhalt. Dort sollen zehn Soldaten einen „Wettbewerb“ veranstaltet haben, wer mit den meisten Soldatinnen Sex haben könne. Sind solche „Wetten“, bei denen Frauen und ihr Körper als Einsatz in einem „Spiel“ gesehen werden, schon mehr als übergriffig, soll es zudem auch zu physischer Belästigung gekommen sein. Frauen seien bedrängt und intim berührt worden. Eine der Betroffenen eine Minderjährige. Gegen die zehn Beschuldigten wurde ein Verfahren eingeleitet. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zeigte sich geschockt und versprach eine „Null-Toleranz-Politik“ sowie eine Aufklärung der „widerwärtigen“ Vorwürfe.

Mit Sensibilisierung von Vorgesetzten und der Einrichtung eines Interventionszentrums will das Ministerium gegen sexualisierte Gewalt vorgehen. Vergeblich, wenn wie in einem Fall, der Ende September öffentlich wurde, der Vorgesetzte selbst der Täter ist und eine Anzeige nur mit Konsequenzen für die Betroffene, in Form von Mobbing und Gewalt durch die „Kameraden“, endet. Während die Bundeswehr also in Ländern wie Afghanistan eingesetzt wurde und wird, um „Frauenrechte“ zu etablieren, stehen ebenjene in ihren eigenen Reihen weit unten im Kurs. Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem. In Institutionen wie der Bundeswehr, die zersetzt von rückschrittlichen Rollenbildern und einem patriarchal-übergriffigen Verständnis von „Kameradschaft“ sind, ist die Situation für Frauen besonders gefährlich.

Frauen als Preis

Das Bild von Frauen als „Trophäen“ ist alt. In Homers „Illias“ beschreibt er, wie bei einem Streit zwischen den antiken griechischen Göttern der trojanische Prinz Paris die Hand der schönsten Frau der Welt, Helena von Sparta, als Gewinn geschenkt wurde. Diese „Romanze“ löste den trojanischen Krieg aus. Casanova und Don Juan sind literarische oder sogar historische Männerfiguren, die „heroisch” Frauen „verführten“ und dabei als charismatisch dargestellt wurden. In Schulen oder an Arbeitsplätzen wird mit „Eroberungen“ geprahlt. Trotz MeToo-Bewegung und Auseinandersetzungen darüber, wo missbräuchliches Verhalten beginnt, gilt noch immer für einen nicht kleinen Teil der Gesellschaft: männlich ist, wer Sex mit vielen Frauen hatte. Frauen werden dabei nicht als gleichberechtigte Personen mit eigenen Wünschen und Grenzen wahrgenommen, sondern als Maßstab männlichen Erfolgs. Wenn der Körper der Frau etwas ist, was man besitzen, sich aneignen oder kaufen kann, kann man auch darum wetten. Denn wir leben nunmal nicht nur in Zeiten von MeToo, sondern auch in Zeiten der Normalisierung von OnlyFans oder Tradwives. Wie reaktionäre Politik und der Rechtsruck auf dem Vormarsch sind, um die Widersprüche im Kapitalismus zu überdecken und eine aggressive Politik gegen die Arbeiterklasse zu führen, werden rückschrittliche Frauen- und auch Männerbilder wieder aktuell. Bestimmte Strukturen sind für solche Entwicklungen besonders prädestiniert.

Wer geht zur Bundeswehr?

Das sind Institutionen, die vor allem ein Klientel anziehen, das ein besonders rückschrittliches Weltbild vertritt. Diejenigen, die unter „Sicherheit“ die Sicherheit des bestehenden Systems zu verteidigen verstehen und dieses gegen „äußere Bedrohungen“ zu beschützen. Diejenigen, die denken, dass „Kameradschaft“ und „Treue“ und „Vaterlandsverteidigung“ bedeutet, die fehlgeleitete Treue zu ihren „Bros“ zu halten – denn das sind ja die Verbündeten, gegen die „da draußen“. Diejenigen, die denken, dass Frauen das untergeordnete Geschlecht sind, die durch starke Männer beschützt werden müssen. Nicht umsonst werden in solchen Institutionen wie der Armee oder Polizei immer wieder Fälle von Machtmissbrauch, Gewalt gegen Frauen oder rassistische bis sogar rechtsterroristische Strukturen aufgedeckt. Diese Einrichtungen sind die ausübende Gewalt des bestehenden Systems und werden daher auch tendenziell eher von Menschen ausgewählt, die genau diesen Status Quo aufrechterhalten wollen.

Heute „dienen“ 25.000 Frauen in der Bundeswehr, also ein Anteil von etwa 14 Prozent. Ihnen stehen etwa 161.000 Männer entgegen. In solchen Institutionen funktionieren Dynamiken nach starken Hierarchien und dem Gedanken, sich gegenseitig „schützen“ zu müssen. Auch diejenigen, die Partei für Frauen ergreifen, können schnell als „Verräter“ abgestraft werden – was zum Wegschauen oder gar Mitmachen motiviert.

Neben zahlreich dokumentierten Fällen von sexualisierter Gewalt, gibt es immer wieder Schilderungen von betroffenen Frauen, wie sie von den anderen Männern in ihrer Einheit nach einer Anzeige schikaniert werden. Auch deshalb zeigen viele Frauen sexualisierte Gewalt nicht an. Im Jahr 2025 wurden 469 „Verdachtsfälle“ von sexualisiertem „Fehlverhalten“ bei der Bundeswehr angezeigt. Eine Zahl, die kontinuierlich steigt und die Dunkelziffer liegt wohl deutlich darüber. Welche Konsequenzen das hat, zeigt sich mit einem Blick auf die Zahlen sehr klar: In den Jahren 2023 bis 2025 gab es 1.276 Meldungen zu „sexuellen Verstößen und diskriminierendem Verhalten“. Entlassen wurden 91 Soldaten. Ähnlich wie im Zusammenhang mit rassistischer Gewalt innerhalb der Polizei, fordern hier ebenfalls viele Stimmen unabhängige Beschwerdestellen. Damit solche Schutzschilde stärker aufgebrochen werden können und Täter sich nicht hinter ihren „Kameraden“ verstecken können.

Umso problematischer wird dieses Bild, wenn man weiß, dass die Bundeswehr im vergangenen Jahr 3.131 Minderjährige rekrutiert hat. Das macht 12,5 Prozent der Anfänger aus. Davon sind 441 junge Frauen gewesen. Sollte die Wehrpflicht, wie aktuell vorbereitet wird, offiziell wieder eingeführt werden, sind dabei junge Frauen noch davon ausgenommen. Die Frage ist allerdings wie lange noch. Die aktuelle Strategie, Menschen mit Angst vor Angriffen, einem aggressiven Patriotismus, finanziellen Anreizen und einem Ausweg vor mangelnden Zukunftsaussichten freiwillig für die Bundeswehr zu gewinnen, geht ebenfalls auf. 2026 schrieb die Armee Rekordzahlen in der Rekrutierung: 15 Prozent mehr als im Vorjahr haben sich verpflichtet, reichen jedoch nicht aus, um den Bund zur „stärksten Armee Europas“ zu machen, wie Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt hatte. Junge Menschen, die eigentlich stärker geschützt werden müssten, werden Strukturen ausgeliefert, in denen sexualisierte und rechte Gewalt verankert sind.

Während also aggressiv um Nachwuchskräfte geworben wird – übrigens auch um Frauen, hier soll die Quote auf 20 Prozent steigen – wird die Sicherheit der jungen Menschen, die sich verpflichten, nicht ernst genommen. Allen voran nicht die der Frauen. In einer Armee kann niemand, der als aktiver Soldat eingesetzt ist, wirklich sicher sein, schließlich kann jeder morgen an eine mögliche Front geschickt werden. Doch insbesondere die, die in dieser Gesellschaft ohnehin aufgrund von Geschlecht und Herkunft Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, können in solchen Institutionen zusätzlich Ohnmacht und Missbrauch erfahren. Dass aus all diesen Fällen keine Sicherheit für Frauen geschaffen wird, zeigt einmal mehr, dass der Schutz von Frauen wie so oft nur ein Lippenbekenntnis ist, wenn man es braucht. Wie jeder andere junge Mensch, sollten also insbesondere Frauen nicht auf die Märchen einer „moralischen Armee“ hereinfallen und nicht den Dienst an der Waffe antreten. Denn niemand wird sie schützen.

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